Samstag, 2. August 2008

Sucks'n'Summer 2008 - Samstag

Da am selben Tag in Leipzig der Rave für Tierbefreiung statt fand, musste ich vorerst mit elektronischer Musik vorlieb nehmen und verpasste einige der frühen Bands. Voll mit elektronischen Beats musste dann der Hardcore seinem Namen erstmal gerecht werden.

Die ersten, die ich sah, waren eine lang verschollene Früh-Jugend-Erinnerung: Misconduct. In eben jenem AJZ Leisnig waren sie Hauptbestandteil meiner allerersten Hardcore-Show. Keine Ahnung wann das war, scheint Ewigkeiten her zu sein. Jedenfalls war die Show großartig und Misconduct auch. Ein wenig verlor ich sie aus den Augen, doch es war hübsch sie einmal wieder zu sehen. Auch wenn vor der Open Air-Stage gegen 18:00 noch nicht so viele Menschen versammelt waren und nur einige eingefleischte Fans für Stimmung sorgten. Dazu gehörte ich allerdings merkwürdigerweise auch recht schnell wieder. Denn ihr süßer schwedischer Melodycore mit den plakativen Texten, geht schnell ins Ohr und viele Lieder konnte ich auch nach Jahren noch mitsingen. Sehr angenehmer Einstieg, auch wenn ich an Unity und Hardcore Pride irgendwie nicht mehr so recht glauben mag. Erstaunlich, dass das bei ihnen trotzdem nie prollig oder machomäßig wirkt, sondern aus tiefster Überzeugung heraus entstanden zu sein scheint. Menschen mit Überzeugungen.

Weiter ging es mit All for Nothing aus den Niederlanden, die mit ihrem schweren female-fronted Hardcore alles überrollten und die Stimmung anzuheizen vermochten. Relativ coole Band, die mensch sich gern mal geben kann. Allerdings auch nichts, was jetzt irgendwie sonderlich herausragt.

Sworn Enemy wollten wir bewusst verpassen, durch einen unvorhergesehenen Line-Up-Dreher, verpassten wir aber stattdessen Wisdom in Chains. Sworn Enemy machen metallischen Bollokram. Muss ich mehr sagen?

Danach dann allerdings eine Überraschung: The Architects. Die waren richtig geil und erinnerten in ihren besten Momenten an Dillinger Escape Plan. Ein breites Grinsen im Gesicht für ihr professionelles Gefrickel da oben. Sehr schnell unterwegs und technisch immer für eine unerwartete Wendung gut. Haben sehr viel Spaß gemacht!

Und waren doch nur Wartezeitüberbrückung für die heiß ersehnten Bane. Auch ganz in der Gegend, nämlich im Jugendhaus Rosswein, sah ich sie vor einiger Zeit das erste Mal und die Jungs aus Massachussetts vermochten es doch glatt meinen Glauben an Hardcore wieder herzustellen. So eine Aufrichtigkeit, so ein Commitment und so viel Herzblut, was sie verströmen - das steckt an. Die leben Hardcore mit allem was das heißt - und das schon seit vielen Jahren. Und bleiben den Idealen treu, von denen die neueren Hardcore-Generationen so wenig wissen wollen. Leicht gealtert stehen sie da auf der Bühne und schaffen es (nicht nur mich) noch immer zu elektrifizieren. Für die verliere ich doch gern im riesigen Outdoor-Circle Pit meinen Schuh. Wenn mir dann Leute wieder aufhelfen und mir zeigen, dass es das alles noch gibt, was Hardcore heißt.
Und kommen dann die Anderen, die "neuen", dann ist klar was passiert. Ein Typ hat einem anderen paar gelangt - einfach so. Bane beenden ihr Lied und sagen, dass sie nicht weiter spielen, bis dieser Typ sich verpisst. Weil sie so etwas nicht haben wollen auf ihren Shows. Weil sich so etwas nicht gehört auf Hardcore-Shows. Und weil viel zu wenige Bands das Maul aufmachen, wenn es so weit kommt. Weil jene Bands die Kids im Pit scheinbar nicht mehr interessieren.

Ich bin so froh, dass es noch Bands wie Bane gibt. Und solange sich das nicht ändert, glaube ich auch weiterhin manchmal noch an Hardcore und alles was damit zusammen hängt.

Ein Beispiel mag vielleicht sein, dass ich bei Weitem nicht Straight Edge bin. Allerdings verbietet es mir der Respekt vor den Bands und deren Lebenseinstellungen auf Hardcore-Shows zu trinken (rauchen sowieso nicht). Schade, dass ich damit relativ alleine da stehe.

Denn gleich danach kam der Vorschlaghammer, die Ideale zu zertrümmern. All Shall Perish. Widerlicher Metalcore für Tough Guys, wobei das -core auch getrost weggelassen werden kann. Das hat nichts mehr mit dem zu tun, was Hardcore mal hieß und teilweise noch heißt. Ich bin auch gleich gegangen.


Wie bereits am Freitag wurde das Festival gegen Mitternacht wieder ins gemütliche AJZ verlagert und noch einmal richtig Gas gegeben.

Begonnen wurde mit Strength Approach aus Rom, die viel mit den sich noch anschließenden To Kill zu tun haben, die ebenfalls aus Rom kommen. Sowohl musikalisch als auch meinungsmäßig und von ihrer Klasse her, stimmen sie so mit To Kill überein, dass ich auch gleich über die schreiben kann. Sehr schnell, leichte Metallkante (Strength Approach nicht so sehr), aber trotzdem Hundert Prozent Hardcore. Vegan Straight Edge - Commitment for Life. Hehre Ideale, hochpolitisch und krasse Mucke. Zwei Bands, die unheimlich Spaß machten. Schade, dass mir schon so viel in den Knochen steckte, sonst hätte ich mich liebend gern zu beiden verausgabt. Unbedingt mal geben, wenn die in der Stadt sind.

Tja, und auch wenn bzw. weil es eigentlich kaum noch besser werden konnte, musste das halt trotzdem noch passieren.

Den krönenden Abschluss des diesjährigen Sucks'n'Summers bildeten die großartigen Tangled Lines, die großteils aus Dresden kommen. Den Drummer teilen sie sich mit Vitamin X und wer die kennt, weiß wie rasendschnell der ist. Auch stilistisch sind The Tangled Lines in dieser Richtung zu verorten. Sauschnell, laut und den Idealen des Hardcore noch immer verhaftet. Dazu ein schöner "Hauch" Ostigkeit - der Gitarrist mit langen Haaren und Oberlippenbart könnte auch einer 70er-Jahre-DDR-Rockband entsprungen sein - inklusive Dialekt. Die alte Schule mit schnellerem Beat.

Für Hardcore (leider) genau so ungewöhnlich wie wohltuend, dass es eine Sängerin gibt. Und auch wenn ich es doof finde, plötzlich mit Schwärmen anzufangen, wenn da mal kein Typ auf der Bühne steht, aber die Frau ist einfach bezaubernd. Die Freude, der Glanz in den Augen, die Ansagen, da steckt noch Feuer und Energie dahinter. "Zum Glück sind die Windmühlen schon nach Hause gegangen - wer hier Windmühlen machen will, kriegt von mir persönlich paar mitm Knie in die Eier" und alles ist geklärt. Kein Metal-Mosh, kein Tough-Guy-Shit, nur Stage-Diving, Circle Pits und dick Pogo. So macht Hardcore noch Spaß. Leider war ich selbst -wie gesagt- nach den beiden Tagen total platt, so dass ich nicht mehr viel mitgemacht hab, aber diese Band ist einfach zu geil. Poltern in einer atemberaubenden Geschwindigkeit los und kaum ist das Lied zuende, entschuldigt sich die Sängerin, dass sie langsamer geworden sind, weil sie nicht mehr so oft auftreten. Da sind die Sympathien klar verteilt. So liebe ich Hardcore. Ohne Bollos, Hools, Metal-Anleihen und Tough-Guy-shit. Stattdessen authentischer Hardcore, bei dem alle Spaß haben sollen.

Das Lustigste war das Ende. Nach einer Zugabe meinte die Sängerin, dass sie nichts mehr können und ihre Stimme im Arsch ist. Nach ewigen Diskussionen meinte sie dann, dass ja ein oder mehrere Menschen aus dem Publikum noch ein Lied singen könnten. Und so geschah es dann. Zwei-drei Typen kamen auf die Bühne und performten ein Tangled-Lines-Stück. Sehr sehr hübsch. Wie die Tangled Lines insgesamt und To Kill und Bane und all der Hardcore-Spirit, der einmal mehr seinen Weg in mein Herz fand, so prekär und zerbrechlich er auch sein mag.

Und so bin ich versöhnt und beglückt nach Hause gegangen. Endgeile Show. Tolles Festival.

Freitag, 1. August 2008

Sucks'n'Summer 2008 - Freitag

Das Line-Up des diesjährigen Sucks'n'Summers verhieß schon im Vorfeld nicht zu viel Gutes. Aber da ich nur wenige Kilometer von Leisnig aufgewachsen bin und dort noch immer das ein oder andere bekannte Gesicht herumgeistert, wollte ich natürlich auch dieses Jahr wieder hin.
Ironisch mag daran vielleicht erscheinen, dass ich dieses Festival das erste Mal gerade in jenem ersten Jahr besuchte, in dem ich nicht mehr in der Gegend ansässig war.

Nachdem für dieses Jahr auch noch Verse abgesagt hatten, war ich wirklich am Grübeln, ob es mir gefallen würde. Viel Metal, viel "Bollo" und nur wenige Highlights.

Überhaupt scheint das Sucks'n'Summer ein gutes Spiegelbild der Hardcore-Szene an sich zu sein. Politik findet nur noch am Rande, an einigen Antifa- und Mob Action-Ständen statt und Konsum und "neue" Szeneidentität prägen das Bild. Zu dieser neuen Identität gehört ein unglaublich stumpfes Selbst-Abfeiern und widerliches Männlichkeitsideal. Straight Edge verkommt zu einem Dogma für Machos, die damit nur noch Stärke, Stolz und Selbstbeweihräucherung verbinden, mehr aber auch nicht. Und die anderen geben es einfach ganz auf und saufen sich die Birne zu, bis sie zu späterer Stunde lauthals rumprollen.

Sinnbildlich für die Organisation auch der Info-Flyer, auf dem zum Melden von braunem Gesocks aufgerufen wird - der allgegenwärtige Sexismus in der Szene wird jedoch nicht einmal thematisiert. Ebenfalls finde ich diese Pseudo-Toleranz total verlogen, nach welcher "food for everyone" angepriesen wird. Das äußert sich in drei Ständen, welche neben veganem Fast-Food auch diverse Tierausbeutungs- und Tiermordprodukte feilbieten. Stellung zu beziehen für Tierrechte wäre wohl zu viel verlangt. Stattdessen wird den Konsument_innen die ganze Palette vorgesetzt und jede strukturelle Verantwortung für falsche Konsumgewohnheiten abgelehnt. Der politische Anspruch endet halt leider bei Anti-Nazismus, der in der Region ja schon beinahe selbstverständlich ist bzw. sein muss, da eine Nicht-Positionierung zu diesem Thema quasi ausgeschlossen ist. Die Konzepte von "Good night white pride" bzw. "Let's fight white pride" nahmen nicht umsonst auch hier ihren Ausgang. Trotzdem natürlich verdammt gut, dass es in der Provinz Menschen gibt, die sich so dezidiert gegen Neo-Nazismus einsetzen.

Aber gehen wir über zur Musik. Morda hatten wir verpasst und kamen zu Coliseum, die zwar Hardcore der cooleren Sorte machen, aber für mich zur Lachnummer wurden, als ich sie zwei Tage später ein weiteres Mal als Vorband von Converge sah. Da meinte der Sänger nur, dass er zwar froh ist, bald wieder in den Staaten zu sein, aber sehr neidisch auf das europäische Krankenversicherungssystem ist. Denn sein Haus, sein Auto und seine Gitarre kann er sich abschminken, wenn er in Amerika Krebs kriegt. Vielleicht sollte er mal ein Lied über die endgeilen europäischen "Wohlfahrts"-Staaten schreiben...


Es ging weiter mit War from a Harlots Mouth, die mit Full Speed Ahead tauschten, weil die "quasi-lokalen" aus Leipzig, im Stau standen. Ironie. WfaHM machen auch ziemlich schicke Musik, die wohl irgendwo zwischen Jazz und Grindcore zu verorten ist, was mir sehr gefiel. Die werd ich mir mal wieder anschauen. Full Speed Ahead, nun endlich eingetroffen, zockte danach auch gleich guten Bollo-Hardcore, der Sparte Make it count. Ist schon Berliner Bezirksnummerngeprolle lächerlich, so setzen FSA mit ihrem Song "0-four-two-seven-seven" dem ganzen die Krone auf und zeigen mit ihrer Ode an ihre Leipzig-Connewitzer Postleitzahl, warum ich sie als "Bollo" verorte. Naja, wenigstens haben sie einen Song namens "Good night white pride" am Start, der zwar textlich auch sehr dünn ist, aber doch den guten Willen zeigt.

Weiter gings mit No Turning Back, die vielleicht auch ein wenig prollig daherkommen mögen, aber die Niederländer wirken wenigstens...hm..."authentisch" wäre das erste Wort, das mir einfällt. Also sie leben Hardcore noch, mitsamt vieler der alten Ideale. Außerdem sind sie live ziemlich gut und kitzeln aus dem Durchschnittshardcore wenigstens noch das bisschen Potenzial heraus, was er her gibt. Deshalb möchte ich sie auch gar nicht schlecht reden, denn fernab meiner persönlichen Vorbehalte machen sie einfach mal Stimmung bei den Hardcore-Kids. Und das ohne Violent Dancing.

Integrity spar ich mir an dieser Stelle großteils. Viel zu wütend bin ich noch immer über die Vorfälle beim Converge-Konzert als sie während einer (einseitig provozierten) Schlägerei einfach weiter spielten ohne sich auch nur einen Dreck darum zu kümmern, was da unten vor sich ging.
Auch sonst ist nix Gutes zu denen zu sagen. Einfallsloser US-Bollo-Scheiß mit harter Metal-Kante. Von mir aus auch Metalcore. Irgendso ein eintöniger Kack halt.

Den Abschluss des Abends auf dem Open-Air-Gelände machten The Bones, die mit ihrem alkohollastigem punkigen Rock'n'Roll da ja mal so gar nicht hinpassen wollten. Waren ganz nett anzuschauen, aber nach ein paar Liedern versumpfte das Ganze auch in Eintönigkeit.

Mittlerweile war es Mitternacht und das AJZ öffnete seine Tore. Der Indoor-Anfang wurde der lokalen Band Commander Control anvertraut, die ihre Sache (wie immer) sehr gut machten. Entsprechend des "Umfelds" machen sie feinen Hochgeschwindigkeits-Old-School-Hardcore, der weder die neumodische Metalscheiße, noch die Bollokacke kennt und stattdessen mit einer wütenden Sängerin politische Inhalte und Hardcore-Lifestyle auf einer einfachen Ebene zu verbinden weiß. Gut so. Schön, dass es so etwas noch gibt.

Weiter ging es mit meinem Highlight des Tages: Something Inside. Ich kannte die vorher gar nicht und bin auch grad ein wenig verwundert darüber, dass die Jungs aus Senftenberg kommen, denn ihre Ansagen waren durchgängig englisch. Naja, seis drum, denn was sie sagten und zockten, war verdammt groß. Kein Wunder bei Youth of Today als Haupteinfluss. Politische Ansagen, u.a. auch zu den zehn Menschen in Österreich, die nur für ihre Tierrechtsarbeit in den Knast gesteckt wurden und vieles was einfach viel zu selten gesagt wird, fiel dann. Respekt.

Da ließ ich mich dann auch nicht zwei Mal bitten und schwitzte mir im Pit die Poren leer. War schon lange nicht mehr am moshen und Circle-Pit-rennen, aber die Freude bei einer inhaltlich und musikalisch sehr coolen Band in Bewegung zu sein, kam sehr schnell zurück. Fein fein.

Danach waren Make it Count aus Berlin an der Reihe. Für mich so ungefähr der Inbegriff stumpfen Bollo-Hardcores. Aber ne Menge Leute wollten sie sehen und rannten auch mit deren Tshirts rum. Nicht zu unrecht möchte ich bei den meisten meinen. Denn wer auf machohafte Selbstbespiegelung steht, kommt da auf seine Kosten. Ich bin nach ein paar Liedern gegangen. War eh durchgeschwitzt und müde und hab sie letztes Jahr schon gesehen. Bin da allerdings auch eher gegangen. Hat wohl Gründe.

Alles in allem ein netter Festivaltag, der leider mit Ausnahme von Something Inside keine Riesen-Highlights bereit hielt.

Samstag, 12. Juli 2008

Unterwegs in Sachen Punkrock - III. Kemnader Chaosfestival

Was gibt es für eine bessere Einleitung als:

"5 Punks und ein Fahrschein, Dosenbier
und Rotwein so brechen wir auf.
Ein Prost auf die Bahn, denn sie läßt uns fahr'n
Und wir sind gut drauf" (Terrorgruppe)

?

Ok, wir waren zu zehnt, aber die Grundaussage bleibt dieselbe. Morgens um acht mit Dirrrty Sanchez from Outta Space in Berlin aufgebrochen, vorher beim Späti noch das Portemonnaie geleert und ab ginga. Magdeburg. Braunschweig. Bielefeld. Bochum. Bus. Brücke. Aufm Weg viel Bier gekillt, lustige bis seltsame Begegnungen gehabt und Paderborner als Sterni-Methadon entdeckt und trotz der Andersartigkeit in seinen Vorzügen gepriesen.

Wie gesagt, war da noch eine Brücke (nach dem der Bus ewig durch Bochum gefahren ist...sind dort die Busse einfach langsamer oder fahren die drei Mal im Kreis, um den Eindruck einer Weltstadt zu suggerieren?) und drunter schrammelte sich schon eine Punkband warm. Das war die Obrichkait von der ich aber bis auf ein wenig drögen D-Punkbrei nicht viel mitbekommen hab. Lieber an der Ruhr chillen und die letzten Sonnenstrahlen genießen. Und Klischees über Bord werfen. Hier Bochum, dort Dortmund und dazwischen ganz viel Grün, was sich schon fast Natur schimpfen kann. Nur die Flugzeuge und die Autobrücke passen dann doch wieder.

Lustig auch die Menschen dort. Punks, die schon seit dreißig Jahren dabei sind. Antifa/Antispe-Menschen. Junge Punks. Oi-Skins. Und allerlei wunderliche Gestalten. Angenehme Mischung, mit Paderborner runtergespült. Pegel gehalten und ausgebaut zu Nuke Strike, welche die prolligsten HC-Elemente mit Punkrock verbanden und naja..."ganz nett"...waren. Also nichts sonderlich Besonderes, unter der Brücke hats aber ordentlich gescheppert, was dem Ganzen dann doch sehr geholfen hat. Laut wars jedenfalls.

Danach irgendwann Hiroshima mon amour, die schon mehr Stimmung gemacht haben bzw. richtig gut waren. Ältere Herren, gute Musik (verbunden mit dem nötigen Gitarren-Know-How) und angenehme Grundstimmung. Wenn da nicht noch das (unvermeidliche...) Rio-Reiser-Cover gekommen wäre und sie nach eben jenem gefühlte und praktisch durchgeführte 15 Zugaben gespielt hätten, wären sie schon sehr schick gewesen. Aber: dass sie in diesem Rahmen aufgetreten sind und für lau so ne Show abgeliefert haben, Respekt. Hat mir gefallen.

Ja, und dann kamen die Sieger_innen der Herzen und Gipfelstürmer_innen der Musikalität.
Prosecco-Tunten-Schlager-Punk. Vom Feinsten. Großartige Kostüme von der Kittelschürze über die blonde Perücke, zum Cocktailkleid, Lippenstift und feschem Bart. Da war alles echt...toll inszeniert. Gassenhauer wie "Beiß nicht gleich in jeden Apfel" oder "Liebeskummer lohnt sich nicht" mischten sich da mit illustren Geschichten über das Geheimnis des langen Lebens von Queen Mum (ihr gnadenloser Gin-Konsum...woraufhin auch das Publikum dieses Lebenselixier zu kosten bekam), darüber, dass das Wollschwein weder hier noch woanders zur Fleischverarbeitung bestimmt ist (auf niederländisch! Wolvarken is keen Salami...oder so ähnlich) und und und. Da reihte sich Klassiker an Klassiker und das Publikum johlte und tanzte außer sich vor Ekstase.

Ach ja, dass es ihr erster Auftritt war, erwähnte ich bereits? Jedenfalls war es auch fernab jeder Lobhudelei ein sehr schöner Gig und es hat mich sehr gefreut, dass das Feedback so positiv ausgefallen ist.

Mit halbwegs wärmenden Lagerfeuer und der Sehnsucht nach nem Bett ging es dann gegen vier mit dem Nachtbus zurück in die Bochumer Innenstadt. Um im Bahnhof irgendwelchen Quelle-Katalog-Bestellern (in Berlin heeßt dit "Opfer") beim sich gegenseitig verkloppen zuzuschauen. Anthropologie live. Noch schnell ne Pommes vom Imbiss geholt und dann am Bahnsteig schlottern. Stimmung grummelnd. Übermüdet. Frierend. Dann Dortmund. Bielefeld. Braunschweig. Magdeburg. Berlin. Sonntagnachmittag um drei. Wochenende wat willste mehr?

Wiederholenswert.




Freitag, 27. Juni 2008

Updates...

Es ist, wie immer, viel passiert. Deshalb wird es in Kürze auch eine ganze Reihe neuer Reviews geben. Wenn nur die Zeit nicht immer so knapp wäre (oder ich mit ihr sinnvolle Sachen anstellen würde ;-)

Ganz zentral ist dabei natürlich das Wochenende mit EA80, freitags in Berlin, samstags in Leipzig. Mittlerweile auch schon wieder zwei Wochen her.
Da das aber an sich unbeschreiblich war, dauerts wohl auch noch ne Weile bis sich mein plötzlich wieder aufbrandender Perfektionismus hinreißen lassen wird, auf "Post veröffentlichen" zu klicken.

Bis dahin,
*parole rauswühl*
stay punk.

P.S. Ach wie schön, dass ich jetzt nichts mehr in der Zukunft veröffentlichen kann...wtf?!?

Samstag, 21. Juni 2008

Einige Eindrücke vom Fête de la musique

Seit einigen Jahren nun schon findet in Berlin das "Fête de la musique" statt, welches, ursprünglich in Frankreich mit dem Gedanken auch weniger Begüterten Kultur nahezubringen, Anfang der 80er entstanden ist. In der ganzen Stadt sind Straßenmusikant_innen, professionelle Bands und Künstler_innen aller Art und jeden Stils anzutreffen und selbst die Gräßlichkeit des deutschen Ordnung-und-Sauberkeits-Primat ist, durch Aussetzung der Straßenmusikverordnungen, mal für ein paar Stunden mit einem Regenbogen ins Gesicht gemalt.

Ich für meinen Teil sah es als gute Gelegenheit an, mir mal wieder ein paar Bands anzuschauen, die ich noch nicht kannte und mich musikalisch weiterzubilden.

Los ging es für mich 16.00 Uhr am Mauerpark mit The Ghost of Tom Joad, die auf myspace noch ganz nett geklungen haben, aber mich irgendwie nicht so wirklich überzeugen konnten. Lag wohl neben der ekelhaften Kommerz-Stimmung (nein, ich nenne die verantwortlich Firma nicht) auch am Schulband-Rock-Sound. Etwas enttäuscht, aber noch immer guten Mutes ging es weiter zur Kulturfabrik in Moabit. Genauer gesagt, dahinter. Dummerweise haben wir uns auf dem Weg dahin verfahren und so Einiges verpasst. Hinter der Kulturfabrik war eine mittelgroße Bühne aufgebaut und den ganzen Tag gab es feine Dunkelmusik auf die Ohren. Zwischen Gothic-Rock, Dunkelelektronik, Metal, Wave und Gothic-Punk war für Schwarzgewandete und Sympathisierende sehr viel aufgeboten. Wir sahen um diese Uhrzeit leider nur Decades. Die haben zu zweit sehr angenehmen Wave mit Computer und Gitarre aufgeboten. Klang alles sehr nach Depeche Mode, was nach Eigenaussage auch gewollt war. Und alles andere als verkehrt war. Leider gab es einige Verzögerungen im Ablauf, so dass wir bereits weiter mussten, denn am Cassiopeia sollten We once loved spielen. Da wir erst einmal ne Weile an der falschen Bühne standen und - von der poppigen Musik abgeschreckt - noch mal Getränke sicherten, haben wir die komplett verpasst. Glücklicherweise haben wir unseren Irrtum aber genau dann entdeckt, als Trip Fontaine begannen. Sehr sehr geiler Improvisations-Hardcore. Nichts Festgelegtes, dafür mal ein wenig Elektronik, ein wenig Gejamme, drei Gitarren und viel gute Laune. Und wer das Zeitstrafe-Label kennt und meiner Aussage, dass sie da wirklich gut reinpassen, Vertrauen schenkt, kann sich ungefähr vorstellen, in welchem Rahmen das alles abläuft. Jedenfalls sehr schön gewesen, nun aber schnell weiter.

Wieder zurück zur Kulturfabrik, um zu sehen, dass Frank the Baptist schon losgelegt haben. Die machen Musik so, wie ich sie liebe. Dunkel, punkig, wavig. Die Stimme von Frank in bester Horrorpunk-Manier relativ weich und hoch, die Gitarren als seien sie in der Zeit stecken geblieben oder kommen direkt aus den frühen Achtzigern, genau wie die Musik insgesamt. Aus einer Zeit, in der Gothic und Punk noch dasselbe bedeuteten, schienen auch große Teile des Publikums zu stammen. Manche gar altersmäßig, viele jedoch zumindest optisch. Aufgebauschte, in alle Richtungen stehende Irokesen in allen Farben (bevorzugt natürlich jedoch schwarz), aufwendige, zerrissene Outfits mit dutzenden Accessoires und viel Schminke. Ich kann mir nicht helfen, aber ich liebe diesen androgynen, dunkelbunten Chic einfach. Und kann mich daran nie satt sehen. Jedenfalls hat alles gepasst und ich hab einen der seltenen Momente erlebt, in denen mich weder Musik noch Publikum störten. Große Seltenheit. Dementsprechend waren Frank the Baptist auch die Krönung des Abends. Gegen 22.00 Uhr schlossen sie dann mit ihrem Hit "If I speak", der vielfach mitgesungen wurde und mehrere Menschen auf die Bühne hat klettern lassen. Gemeinsam wurde so der Schlusspunkt unter einen schönen Nachmittag und Abend gesetzt, der in seinem Verlauf bandtechnisch immer besser wurde.

Ich mag die Fête de la musique-Idee sehr und nach dem ich es nun selbst gesehen habe, noch mehr.

Samstag, 14. Juni 2008

Ein Wochenende mit EA80 Teil 1

Beginnen wir philosophisch. Angenommen. Höchste Freude und tiefste Traurigkeit sind nicht zwei Enden einer starren Skala, sondern nur Extrempunkte auf einem fast geschlossenen Kreis, welche sich berühren, wenn die Intensität der Emotionen das rein geistig Fassbare übersteigt und für den Moment alle konkurrierenden Gedanken auslöscht. Sozusagen so lange Strom auf den Kreis jagen, bis der Funke überspringt. Dann bildet sich zwischen den Extrempunkten ein Kontinuum, in dessen Gefangenschaft ein ständiges Schwanken zwischen ihnen unabwendbar ist. Umgangssprachlich verewigt in der Redewendung "Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt".

Mag es ein hohes Glück oder eine Freude sein, Songs von EA80 zu hören, so wohnt ihnen doch stets ein bittersüßer Beigeschmack inne. Zutiefst verlorene, melancholische oder auch nur philosophisch-relativistische (wenn nicht gar zuweilen nihilistische) Lyriken verbinden sich da mit einem Musikstil, an dessen Beschreibung die Expert_innen virtueller Genre-Grenzen erst einmal Zähne werden lassen müssen. Intensiviert werden diese Gefühle gegenüber den zwei Buchstaben und den zwei Ziffern zweifelsohne live. Wie stark, das zeigen, glaube ich, schon ein paar Sätze des Berichts von meinem ersten EA80-Konzert: "Zitternd und völlig ohne klaren Gedanken verließ ich den Ort des Geschehens und kam erst am Bahnhof so langsam wieder zu mir" oder "Mir fallen gar nicht genügend Worte ein, um ihre Wirkung auf mich auch nur annähernd zu beschreiben". Grundlegend gewandelt hat sich das auch mit diesem Wochenende nicht, aber es sind viele Momente hinzugekommen, die das Bild nicht nur in einzelnen Facetten ergänzten, sondern neue, in kräftigen Strichen gepinselte Formen und Konturen haben sichtbar werden lassen.

Die Fakten sind recht langweilig. EA80 hat es mal wieder geschafft aus Gladbach rauszukommen und gleich zwei Konzerte in Berlin und Leipzig absolviert. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen. In meinen beiden Städten. Tickets schon seit Wochen/Monaten reserviert. Menschen an den Bahnhöfen der Stadt eingesammelt, zum SO36 gepilgert.

Am Einlass hing ein schlichtes Schildchen, dass EA80 um 21.46 Uhr anfangen wird zu spielen. Noch erstaunlicher als diese Zeitangabe war dann aber zweifellos, dass sie wirklich auf die Minute genau 21.46 Uhr die Bühne betraten. Vorher durfte sich jedoch noch eine scheinbar masochistisch veranlagte Trash-"Band" vom Publikum ausbuhen lassen, die sich "The German Folk Orchestra" oder so nannte und einfach nur grottig war. Auch wenn ich viel für Trash übrig habe, wirkte das weder nach gelungenem Drag, noch nach Ironie oder Stil, sondern einfach nur wie Fasching und verlorene Wette.

Schnell vergessen jedoch bei den ersten Klängen der alten, nie gerosteten Jugendliebe.
Der großen Stadt setzten sie ihre "kleine Welt" entgegen. "Licht" brachten sie. Und so weiter...und so fort. Jedes einzelne Lied eine Erinnerung oder auch mal zwei-drei. Unter den vielen dutzend Liedern ihres beinahe 30jährigen Schaffens konnten sie sich kaum ein falsches auswählen, denn in irgendeiner Art und Weise war jedes für sich genommen bereits genug. Hauptsache EA80. Über "was hätten sie spielen sollen" kann nach dem Konzert philosophiert werden, sie können sowieso nie alles spielen und natürlich fehlt immer eins oder zwei, die sie "unbedingt hätten spielen sollen". Auch wenn sie von den - für mich - ganz Großen diesmal nicht so viele spielten, es reichte. Bei Weitem. Allein schon so ein Stück wie "200m und danach" fühlt sich auch nach all den Jahren noch wie eine Offenbarung an (dass Junge live an der Stelle "das Leben ist grausam" den zweiten Halbsatz "und sicher in diesem Moment" einfach mal ausließ, mag dazu beitragen).

Wieder wurden die unterschiedlichsten Menschen von EA80 angezogen. Der Altersdurchschnitt mag wohl an beiden Abenden knapp über 30 gelegen haben - viele von ihnen jahrelange Fans. In den ersten Reihen war davon wenig zu spüren. Der Pogo war großteils jünger und teilweise doch arg egozentriert. Da haben manche Menschen ihre und die Grenzen anderer doch ganz schön überschritten. Bei den meisten von jenen schienen Alkohol oder andere Drogen dieses Verhalten zu erklären. Erstaunlich wie drei-vier Menschen einen ganzen Pogo-Mob aus dem "Takt" bringen können. Tendenziell arg nervig. Dadurch war dann aber auch meiner latenten Mosh-Neigung Vorschub geleistet und bis auf die paar blauen Flecken und den schmerzenden Ellenbogen danach, ein schönes Körpergefühl.

Und so verronn der Abend nach und nach. Die meisten Lieder in den Beinen verschwunden und von den Stimmbändern reflektiert, einige unter Augenlidern - alle vom Herzen aufgesogen.
Aber wie schon erwähnt, die ganz Großen fehlten. Nicht. Es war ein unglaublich schönes Konzert und hätte es auch bleiben können. Wäre da nicht die Zugabe gewesen. Häuser.

...und alles war vorbei. Sie haben dieses Lied unendlich lang gestreckt und gegen Ende schrie Junge den Part, der auf der Neuaufnahme von 2004 im Hintergrund läuft. Dieses tief verzweifelte Schreien, welches von ganz ganz unten zu kommen schien und mich brach. Natürlich habe ich mitgeschrieen. Nicht nur mit geschrieen, ich habe mich richtiggehend leer geschrieen. All der Frust, all die Erinnerungen, die Erfahrungen, den Schmerz, das komplette Sein einfach weggeschrieen. Als das Lied endete, verblieb ich zitternd mit Tränen in den Augen.
Möglicherweise der Punkt, den ich zu Beginn beschrieb. Zwischen Ekstase, Verzweiflung und Leere - oder anders gesagt: "Mein Haus ist schwarz/ und es steht allein/ es hat keine Fenster/ und niemand kommt rein".

Dieser großartige Moment hat es gekippt. Er hat das Konzert einzigartig und bewusstseinserweiternd werden lassen. Viel Zeit zum Verweilen blieb nicht, denn schon wurde ich wieder mitgerissen - sie stimmten zu "Auf Wiedersehen" an. Und besiegelten den Abend damit. Durchgeschwitzt, heiser, alle Knochen am Sich-beschweren und beglückt. Ein kühles Sternburg geholt und durch Kreuzberg am Kanal entlang nach Hause.




Freitag, 13. Juni 2008

Ein Wochenende mit EA80 Teil 2

Szenenwechsel. Ein Wochenendticket später vor dem UT Connewitz in Leipzig. Die gleichen beiden lieben Menschen an meiner Seite und schon wieder ein kühles Sternburg in der Hand.
Dieses Mal war deutlich anders. In vielerlei Beziehungen. Hatte ich am Vorabend nur einen Bekannten getroffen und ansonsten von den Menschen (außer von meinen beiden) relativ wenig mitbekommen, so war dieses Konzert viel wortlastiger - viel tiefer im EA80-Universum angesiedelt. Da war z.B. der stark angetrunkene Tshirt-lose direkt vor der Bühne, mit dem ich während sie "Sommerjugend" anspielten, erörterte warum Fliehende Stürme und EA80 beide großartig, aber doch sehr unterschiedlich sind. Er erzählte mir so vieles und gab mir von seinem Bier und dabei waren es nur ein-zwei Worte, die er hat fallen lassen müssen, um mir zu signalisieren, dass er mindestens genau so tief drin steckt wie ich. Dass die beiden Gruppen auch für ihn so unendlich viel bedeuten. Da werden schwere Zeiten sichtbar und bestimmte Einstellungen allen wichtigen Fragen des Lebens gegenüber. Da gibt es eine gemeinsame Ebene, ein gemeinsames Gefühl, welches einfach nicht wegzudiskutieren ist. Mögen auch sonst die Meinungen verschieden sein. Nach dem Konzert ein weiterer Mensch, der mir erzählte, dass er EA80 schon seit DDR-Zeiten kennt und dass die "heutige Jugend" doch gar nicht mehr weiß, wie viel die Wert sind und sie für "Emo-Kacke" halten. Oder der verheiratete Eigenheimbesitzer mit beinahe kompletter EA80-Sammlung, für den das Konzert in Leipzig bereits das 29. war.

Es gibt nur wenige Anlässe, die mich dazu bringen, mich jung - oder zumindest spätgeboren - zu fühlen. Unter diesen Menschen konnte ich kaum anders. So viele Jahre Faszination, die da aufeinander trafen. Gemeinsame Faszination. Denn ich kenne kein vergleichbares Phänomen. Auch wenn mir die Stürme gefühlsmäßig stets ein großes Stück näher standen, waren EA80 doch immer die kreativeren, philosophischeren, wandlungsfähigeren. Worte wie Faszination und Mythos sind albern. Immer. Aber manchmal stehen sie relativ allein auf weiter Flur, wenn in den Zigarettenautomaten der Stadt 25 Zigarettenschachteln auftauchen, die keinen Tabak, sondern Mini-CD's mit jeweils einem EA80-Song beinhalten. Keine Ahnung, ob an dieser Erzählung etwas dran ist, aber genau das macht ihren Reiz aus. Unberechenbar statt simpel konsumbefriedigend.

In Zeiten, in denen Bands ihre Band-Shirts bereits drucken lassen, bevor sie auch nur ein einziges Lied aufgenommen haben, ist es doch hübsch mit anzusehen, wie Urgesteine sich jeden Tag neu erfinden.

Dort wo sie am Freitag endeten, setzten sie am Samstag wieder ein. "Häuser" war das erste Lied des Abends und das komplette Gegenstück zum Vortag. Relativ schön, relativ kurz, relativ schmerzlos. Aber eben nichts Außergewöhnliches. Das war aber gar nicht schlimm. Mit "wieder einsetzen" meine ich, dass sie - bis auf die Lieder vom neuen Album - so gut wie kein Lied des Vortages wiederholten. "Was ist geblieben" war wieder dabei und möglicherweise noch eines oder zwei, die mir grad entfallen sind, aber im Großen und Ganzen ein komplett anderes Set.

Auch dieses Mal gab es einige von den ganz Großen - und einige die zu ganz Großen gemacht wurden. Dieses Mal war es eindeutig "Trashfest", welches mehr als nur groß wurde. Aber bis dahin war es noch ein weiter Weg. Nach dem dritten Lied bereits mit der Hand an der Bühne abgestützt und Luft geschöpft, was scheinbar so bedrohlich ausgesehen haben muss, dass ich von einer lieben Person nach meinem Befinden gefragt wurde (wobei deren fehlende Körpergröße wiederum in mir Besorgnis auslöste, bei all den großen und teils rabiaten Menschen, die sich da schubsten). Wie dem auch sei, so kann's gehen. Schon gehört mensch zum alten Eisen. Aber ist ja auch nicht schlimm. Ich könnte jetzt wieder ewig über Umgang im Pogo und regionalen Unterschieden philosophieren, stattdessen hole ich noch etwas nach, was ich schon längst hätte tun sollen: über das UT Connewitz schreiben. War seit Ewigkeiten nicht mehr dort und es ist immer noch so beeindruckend gewesen, wie das erste und einzige Mal bei Turbostaat. Das UT ist ein sehr altes, ehemaliges Kino, was noch immer durch die pompöse Bühne inklusive antik aussehende Säulen und Dach über der Leinwand, sowie vereinzelt am Rand stehenden Kinositzen und einer Empore deutlich wird. Eine äußerst hübsche Location, in der ich gern viel öfter wäre.

Zurück zum Konzert. Irgendwann riss Junge eine Saite, was ihn dazu brachte, die Geschichte aufzurollen, wie sie das erste Mal in Leipzig spielten. Damals noch zu DDR-Zeiten, offiziell als Messebesucher und ohne eigene Instrumente. Woraufhin sie dann in einem Leipziger Keller auf Steingitarren rausfanden, warum der Ostpunk ein wenig langsamer war. Was auch immer an dieser Story dran ist, ihre Vortragsweise war einfach begnadet. Da erzählt er aus dem Stegreif eine komplexe Geschichte inklusive aller Winkelzüge, nur um im Stil von: "aber solche Überbrückungsgeschichten sind immer doof, langweilen die Menschen zu Tode, die doch eigentlich die Musik hören wollen" zu enden. Auch wenn mein Gedächtnis beim genauen Wortlaut versagt, so war das doch mal wieder eine der illustren Szenen, die EA80 eben auch ausmachen. Keine einstudierten Ansagen, die sich ständig wiederholen, dafür ungewohnt lebendiger Situationismus.

Es folgten wie immer (in einer Reihenfolge, die ich beim besten Willen nicht mehr weiß) die Pause in der Mitte der Stücke, eine weitere Präsentation des German Folk Orchestras (das in Leipzig aber besser aufgenommen wurde), Stücke wie "Was ist geblieben" (das einzige auffällig doppeltgespielte Nicht-"Reise"-Stück), "Gugging" und "Innenraum", und viele bei denen ich mir grad unsicher bin, ob sie sie freitags oder samstags spielten. Aber das ist an sich auch nicht sonderlich relevant. Für was denn Listen machen, wenn doch das Gefühl allein zählt?

Besonders viel davon fabrizierte "Trashfest". Ist es schon so ein sehr ruhiges, sehr intensives, verhältnismäßig langes Lied, welches fast ohne Schlagzeug auskommt, so wurde es in der Live-Version auf das Doppelte gestreckt. Nein, gestreckt ist das falsche Wort, es wirkte sehr organisch und passend. Irgendwann, während das Stück immer mehr abflachte in der Lautstärke, sprang Junge von der Bühne und stand plötzlich inmitten der verdutzten, zurückweichenden Menge. Er ließ sich nieder und schlug mit dem Mikro den Takt auf dem Boden. Das klingt vielleicht bescheuert, aber das hat einen ungeheueren Eindruck auf mich gemacht. Erst Minuten später ging er wieder auf die Bühne und das Lied wurde beendet.

Viel mehr gibt es auch gar nicht zu sagen. Irgendwann endete es dann. Sie ließen sich nicht noch einmal zu einer Zugabe hinreißen und damit war es gegessen. Zur Übernachtungsmöglichkeit gelaufen und je später es wurde, desto leerer wurde der Kopf. Das Fassungsvermögen deutlich überschritten, blieb am Ende kaum noch etwas übrig. Eine heiße Dusche, dazu der leise Singsang "Was ist geblieben/ von dem was bleibt/ Einsamkeit" und Ende. Ausgelaugt und leer, es war vorbei.

Ein zauberhaftes Wochenende, dass sich in der Form wohl nicht so schnell oder auch nie wiederholen wird. Aber gut, dass es war. Prägendes Erlebnis. Wirklich.