Samstag, 19. Mai 2007

letzter boysetsfire-Gig in Leipzig

18.05.2007 boysetsfire in Leipzig

Für einen Moment schließe ich die Augen. Leicht dröhnt das Lied aus den Boxen. Draußen ist es ruhig und warm, das Fenster weit geöffnet. You can hate what we create but we'll be standing here when everything falls apart." So viele Assoziationen, Erinnerungen und Gefühle kreisen unentwegt ums Haupt bei diesem Lied. Ein leichtes Lächeln. Achtzehnter Fünfter. Es sollte ihr, nun endgültiges, Abschiedskonzert werden. Diesmal auch wieder mit ihrem verunfallten Gitarristen. Für mich war es eines meiner schönsten überhaupt. Lernte ich sie nach ihrem eigentlichen Abschiedskonzert letztes Jahr im Conne Island erst richtig kennen und lieben und trauerte noch lange, dass ich sie nie wieder werde sehen können, so war dieses Konzert die „Handful of Redemption".

Where's your anger, where's your fucking rage?!?

Nach anfänglichen Ärgernissen und Problemen in der Organisation, kehrte ich nun relativ freudig nach langer Zeit wieder dorthin zurück, wo unter Umständen jetzt auch mein Lebensmittelpunkt hätte liegen können. Leipzig. Im Zug schnell noch meine selbstgebackene vegane Calzone vom Vortag verputzt (Hefeteig gefüllt mit diversem Gemüse und Kartoffeln) und ab ins CI.

Das Conne Island ist für mich ein Musterbeispiel, wie ein guter Konzertort sein soll. Als linkes soziokulturelles Zentrum erfüllt es wichtige Aufgaben, emanzipatorischer Anspruch, rundherum viel bewaldetes Grün, eine große Skate-Anlage, freundliche Menschen und die Türstehenden tragen Mob Action (platt, aber es gibt doch ein gutes Gefühl). Auf dem Grill liegt neben totem Tier auch immer Tofu und Vegi-Würstchen, wobei ich natürlich nicht widerstehen konnte. Die 1,80 gingen klar und verdammt schmackhaft, muss ich sagen. Auch wenn ich nicht grad ein Freund von Fleisch-Imitaten bin und lieber nix was so ähnlich riecht oder schmeckt futtere, so war dieses Vegi-Würstchen doch wirklich mal lecker (mal raus finden, wo ich so was fürs nächste Grillen mit meinen Carnivoren her krieg. *g*). Auch die angenehmen Getränkepreise überraschten.
Apropos Getränke. Ein big issue an diesem Abend. Es gab nur Wasser. Für mich. Mit Absicht und wie sich später auch zeigen sollte, ganz zu meinem Vorteil. Mir wurden die Vorzüge des Straight Edge- Gedankens schnell klar. Ekel überkam mich angesichts der rauchenden und trinkenden Menschen und mein Körper war mir auch sehr dankbar. So sehr ich Dogmen ablehne, so sinnvoll finde ich es, Hardcore- Konzerte rauch- und alkoholfrei zu gestalten. Könnte sich das kollektiv durchsetzen, wären das paradiesische Zustände.
Und der Betrunkene, der nach dem Konzert vom Team Wischmob und Eimer zum Aufwischen seiner Kotze gestellt bekam, sollte wohl auch einmal darüber nachdenken.
Natürlich kommt es auf das Konzert drauf an. Ich könnte mir kein Konzert von Fliehende Stürme ohne Zigaretten und Bier vorstellen.
Aber wer sich auf HC-Konzerten exzessiv bewegt, sollte lieber mal ein wenig kürzer treten. Und da finde ich auch Zigarettenqualm extrem störend. Für mich ist die autonome Entscheidung der beste Ansatz. Also kein genereller Verzicht, sondern nur ein „Ich entscheide, wann ich rauche/trinke." Und da kann ich es auch partout nicht ab, wenn mir jemand Tabakqualm ins Gesicht bläst. Körperverletzung ist das. Und eklig obendrein. Dass eine Zigarette so manches Mal auch seine Vorzüge hat, will ich nicht leugnen. Aber dann entscheide ich und niemand sonst. Passivrauchen ohne Einverständnis der Betroffenen ist ein aggressiver Akt, der Persönlichkeitsrechte einschränkt und Menschen physisch verletzt. Vielleicht etwas drastisch formuliert. Aber durchaus im Rahmen der Rechtfertigung.

Ich jedenfalls werde in Zukunft wohl öfter auf Alkohol bei HC-Konzerten verzichten.

Ach ja genau, da war ja auch noch ein Konzert. Es war ausverkauft, wie viele Menschen, keine Ahnung, wer schon mal da war, weiß ja wie groß das CI ist. 800? 1000? Mehr? Kein Plan. Jedenfalls legten „The Blackout Argument" vor und spielten feinen Hardcore, der einen sehr schönen Auftakt bildete. Noch besser gefielen mir allerdings „Dear Tonight", die mehr in die Richtung Emotional Hardcore tendierten und öfters mal ein paar schöne „At the drive-in"-Anleihen anklingen ließen. Waren beide durchaus gute Bands, die sehr viel zum Gelingen des Abends beitrugen. Nur das ständige Erwähnen von boysetsfire ging mir auf die Nerven. Beide Bands konnten durchaus als eigenständig gelten und hätten die Zuschauer_innen auch so für sich gewonnen. Da müssen doch nicht ständig Jubelpausen für die Haupt-Band sein. Egal. Ich mochte sie beide.

Und dann. Ja dann war es soweit. Im Player laufen sie schon wieder auf und ab und jedes Daten-Lied lässt zurück flüchten.
Den Anfang gleich „Release the Dogs" und die Massen bebten. Es war kein Mosh, es war kein Pogo, es war Geschiebe. Der Platzmangel machte sich erstmals negativ bemerkbar. Aber dafür gibt's ja Ellenbogen. Oder so ähnlich. Jedenfalls fand das Publikum so langsam in einen allgemeinverträglichen Tanzstil und die Jungs da auf der Bühne „rockten ohne Ende". Um mal das Phrasenschwein zu füttern. Es war so wahnsinnig intensiv. Ständig in Bewegung und keuchend weitergetanzt und gesungen. Ein ausgeklügelter Mix von langsamen und schnellen Liedern ließ jedoch immer genügend Zeit zum Verschnaufen. Sie spielten alles was gespielt werden musste. Auch „(10) and counting", meinen Liebling. Sogar in einer Acoustic-Version nur mit Gitarre und Nathan. Einen stillen Moment verharrend, die Gänsehaut spürend, den Kopf in den Nacken werfen und die Augen schließen. Was für ein wundervolles Lied.
Neben den vielen anderen, die live noch um so Vieles besser und vor allem extrem viel heftiger sind. Selbst jene, die mir auf CD nie so den Kick gaben waren einfach unbeschreiblich. Denke ich nur an „Reqiuem". Wundervoll war auch „Walk astray" und alle haben mitgesungen. Mensch hat aber auch sehr gut gesehen, wo die Herzblut-Fans und wo die Neulinge standen. Hat sich beträchtlich auf den Tanzstil ausgewirkt. War mir teilweise zu unkoordiniert, wenn nicht gar zu hart. Zumindest unangemessen. Teilweise. Aber bei den wirklich harten Liedern tat es gut auf Widerstand zu stoßen und ordentlich loszubolzen.


Und am Ende war ich nass. Verdammt nass. Ich hätte nicht durchnässter sein können, nach einer Runde Schwimmen mit voller Montur. Ich wüsste nicht, wann ich jemals so viel geschwitzt hätte. Mein T-Shirt konnte ich hinterher auswringen. Ein verdammt gutes Gefühl.

Total verausgabt. Gesund verausgabt. Körperliche Belastung, Körpergefühl, absolut am Ende. Aber mit dem Glücksgefühl wie nach einem Marathon-Lauf (zumindest soll das so sein, wenn mensch einen läuft, hab ich mir sagen lassen…).

Oder wie ich hinterher resümierend feststellte: „Nach einem guten Konzert fühlst du dich wie kotzen müssen. Nach einem sehr guten Konzert schaffst du das sogar ohne Alkohol."

Diesmal hatte Nathan auch die Enttäuschung des letzten Males (über das plötzliche zugabenlose Verschwinden) rationalisiert. Er meinte nur, dass sie lieber länger spielen und gleich gehen, anstatt dieses sich Feiern-Lassen ewig lang auszudehnen. Gute Idee. Das Konzert hätte trotzdem noch ewig weitergehen können.

„Rookie" und „After the Eulogy" bildeten traditionsgemäß den Abschluss eines genialen Konzertes. Ich glaube, wenn eine Band geht, dann gibt es keinen besseren Weg als so zu gehen. Dieser Schlussstrich hat sich gewaschen.

Trotzdem werden sie mir fehlen.

Aber wie Nathan (sinngemäß) sagte "wir sind nur die Cheerleader, aber die Leute die wirklich was bewegen seit ihr. Wenn wir gehen, werdet ihr noch da sein und weitermachen."

Sonntag, 29. April 2007

Fliehende Stürme + Die Art in Chemnitz

Wochenlange Vorfreude wurde nun endlich in verwertbare Erinnerung verwandelt. So muss das doch sein. Und es war mal wieder ganz besonders. Zu Beginn jedoch nur besonders, weil unsere Regionalbahn mal eben nen Lokschaden hatte und wir zwei Stunden später als geplant hinkamen. War aber nicht schlimm, hatte noch nicht angefangen. Nur die Nerven waren futsch und alle flüssigen wie festen Vorräte eher gen Untergrund gewandert, denn geplant. Aber egal.

Der Südbahnhof Chemnitz. Sonst scheint da nur Techno zu laufen und die 16 Euro pro Karte waren für Stürme auch mehr als happig. Aber es sollte ja auch noch die Re-Union von "Die Art" geben. War mir zwar bis dahin leider nur ein Name im Ohr und leider keine Melodie dazu. Egal. Stürme allein reichten zum hingehen (und den Rest könnte mensch ja dankbar noch mitnehmen...) Nur ärgerlich, dass die Stürme Support und somit zeitlich limitiert sein würden. Keine sonderlich guten Aussichten für mein fünftes Stürme-Konzert.

Denkste.

Aber von vorn. Der Laden war einfach riesig für meine Begriffe. Vorher hatte ich was von 800 zu verkaufenden Tickets gehört. Tausend Menschen hätten sicher Platz gehabt. Den Beginn machten Substance of Dream, die scheinbar einen Total-Austausch hinter sich hatten. Drummer ist geblieben, Sänger durch Sängerin ersetzt, der Basser war auch neu und früher waren die doch bloß zu dritt?!? Da war so einiges anders und doch auch gar nicht. Substance of Dream sind die ewige Vorband. Sie machen ja keine schlechte Musik, aber es geht einfach nicht mehr. Bei ihnen kommt keine Stimmung auf, niemand geht mit, mich würde das frustrieren...und so auch in neuer Besetzung. Der Bassist mit entblößtem, durchtrainiertem und glattrasiertem Oberkörper schien wohl nur wegen seines Aussehens in die Band gekommen zu sein, die Frage warum es plötzlich eine Sängerin gibt, dürfte sich wohl ähnlich beantworten lassen.
Nach technischen Problemen und der Einsicht, dass auch das neue Material von der "Körper ohne Namen" Split-CD mit Fliehende Stürme leider nicht das halten kann, was es versprach, waren sie dann auch schon verschwunden. "Höllengott" und "Paradise" höre ich trotzdem jedes Mal wieder gern. Schon allein deswegen ist es mir ganz recht die immer im Vorprogramm zu haben.

Dann eine Überraschung. Nicht die Stürme kamen. Nein. Die Art gab sich die Ehre. Was zuerst nur Konfusion hinterließ, wich schnell Begeisterung. Im Sturm haben mich die in Würde gealterten Musiker für sich vereinnahmt. Die rauchig-tiefe Stimme des Sängers, der wie die Ost-Kopie von Mick Jagger aussah (Mick für die Kohle, der "Art"-Sänger für die Kunst), dazu die tiefschwarzen Texte, ein atemberaubend hartes Schlagzeug und Melodien, die zumindest für meine Begriffe relativ komplex anmuteten und sich doch tief in den Gehörgang zu fressen vermochten. Für mich eine absolute Neuentdeckung, für große Teile des Publikums die Helden vergangener Zeiten. Da konnten Menschen jenseits der Vierzig beim exzessiven Pogo-tanzen und mitsingen genauso beobachtet werden, wie in Erinnerungen schwelgende Elterngenerations-Pärchen, die Augen geschlossen und genießend.
Nicht nur musikalisch ist die Nähe zu den Stürmen nicht zu verleugnen. Auch ihre Wirkung auf das Publikum ist ähnlich. Und das hat mich sehr berührt. Ihre Musik scheint vielen der Anwesenden viel gegeben zu haben.
Dunkel, schwer, hart, wütend. Diese Musik hat ihre Nische gefunden. Dort wo keine Szene hinkommt. Vergleiche zum Status der Stürme oder EA80 halte ich für durchaus angebracht.

Und wenn wir schon bei den Stürmen sind, die haben ja auch noch gespielt...ich weiß nicht wie lang die Art gespielt hat, vermutlich war es mittlerweile schon nach eins, als Fliehende Stürme begannen. Gleich mit "Trümmergemüt" eingestiegen. Wie immer dreimal so schnell wie normal. Und brachial.
Und doch...es war...anders. Nicht bedeutend, aber ein wenig Glanz ist abgesplittert.
Was ich an Stürme-Konzerten so liebe ist, dass ich mich komplett verlieren kann. Keine Gedanken, keine Erinnerungen, kein Ich. Es ist alles weg und nur die Musik ist noch da. Dieses Gefühl stellt sich für gewöhnlich erst sehr spät im Verlauf eines solchen Konzertes ein. Diesmal kam es bereits mit dem vierten oder fünften Lied. Umarmung.
Und doch war es schwer sich zu konzentrieren. Ein betrunkener Idiot, der die Band auf der Bühne gestört und im Publikum andere Menschen belästigt hat und dann auch noch diese Leere. Es waren schon Viele gegangen. Und diese Riesenhalle viel zu groß. Gegen Ende wohl nur noch Hundert, bei zehnfachem Fassungsvermögen. Eigentlich schade.

Aber es kam ja auch noch SchlafWandel. Mein Lied. Für feuchte Augen. Und Glückseligkeit. Wenn ein Lächeln nicht mehr gestellt ist oder aus der Situation entsteht. Nein, wenn die Seele so stark lächelt, dass sie die Mundwinkel nach oben zieht. Mit geschlossenen Augen genossen da zu sein. Ein Lied gegen die Ewigkeit.
Und drei Zugaben morgens um drei. Satellit, Die aus dem Schatten springen und Maschinentrauma. Der blanke Wahnsinn. Ein guter Begleiter auf dem Nach-Hause-Weg für die heisere Stimme und die rauchzerstörten, erkältungsgeplagten Bronchien. Gerade Die aus dem Schatten springen. Es ist live einfach nur so großartig...

Zurück zum Bahnhof mit den beiden Menschen, die wir im Zug hinzu kennengelernt haben und nach einer wundervollen Nacht mit dem Morgen gegen Sechs ins Bett gefallen.

Alles in Allem fand ich besonders "Die Art" genial. Sie haben an diesem Abend sogar meine geliebten Stürme übertrumpft. So extrem muss erst einmal eine Band meine getrübte Wahrnehmung beeinflussen können...

Der Spruch des Abends kam jedoch vom Stürme-Andreas:

"Nichts gegen euch,aber paar Tage in Deutschland und ich muss
dieses Lied einfach wieder spielen...Alles Falsch..."

"Vielleicht bin ich zu früh gebor'n
Oder alles ist zu spät
Diese Zeit gefällt mir nicht
Vielleicht ist dies die falsche Stadt
Oder gar das falsche Land
Dieser Ort gefällt micht nicht"
(Refrain aus "Alles Falsch")

Mittwoch, 20. Dezember 2006

Früchte des Zorns und Yok 'n' Hell

Früchte des Zorns und Yok 'n' Hell 19.12.2006 im Clash

Meine knappe Stunde Fahrt aus dem tiefen Osten Berlins in den mittlerweile zentralen Süden endete direkt vor den Toren des "Clash", in der Gneisenaustraße. Kreuzberg 61. Drin war schon ein mächtiges Gewühl. Da das Ganze ein Soli-Konzert zugunsten der Obdachlosenzeitung "Querkopf" war, durfte zwischen 3 und 10 Euro Eintritt frei gewählt werden. 5 Euro als guten Kompromiss und das Clash als relativ angenehm empfunden. Die Hausmarke war leider gerade aus, deshalb ein Flensburger und nach kurzer Zeit wurde da die Bühne auch schon von den "Früchten des Zorns" geentert.

Nahezu 500 Leute waren jetzt anwesend. In Anbetracht dieser Zahl erschien mir das Vorhaben der Früchte mehr als waghalsig. Auch Sänger Mogli stand mit seiner Akustikgitarre noch etwas verunsichert herum (seine langen schwarzen Locken und der verträumte Blick passen genauso zur Musik wie Ankes letzte türkise Strähne auf der Glatze). Auch sie hatte bereits ihre Geige angesetzt und wie Drummerin Hannah ihre Position gefunden. Die Früchte bezeichnen sich selbst als "linksradikales Kollektiv", ihre Texte sind mit das Ehrlichste und Emotionalste was ich kenne. Irgendwo zwischen Angst, Verzweiflung, Liebe, der Sehnsucht nach Freiheit und dem Wissen, dass es auch anders sein kann, wenn wir nur fest genug glauben, lieben und kämpfen. Depressiv und hoffnungsvoll. Eine wahnsinnig intensive Mischung. Heute wollen sie unplugged spielen. Immer noch vor den 500 Leuten. Und das Verrückteste: Es funktioniert. Im Hintergrund stören zwar immer noch ein paar Unbelehrbare, aber die intensive Atmosphäre des Lauschens kann dies nicht zerstören. Gleich zu Beginn ein paar ihrer schönsten Lieder. Ankes Geige sorgt für Gänsehaut. Live noch ungleich mehr. Besonders bei "Dicke, unbeseelte Vögel". Daneben noch die Lieder, welche aus dutzenden Kehlen kommen: "Ich weiß wie ich leben will, das macht ihr nicht kaputt".

Den Höhepunkt des Konzerts muss ich eindeutig Moglis Ansage gegen Homophobie beimessen. Wenn er davon erzählt, wie er selbst an "linken" Orten oft ein ungutes Gefühl in der Magengrube verspürt oder von der Diffamierung auf der Straße, von den vielen Menschen, die nicht verstehen wollen, dass man auch anders leben kann,dann lässt das einen schon schwer schlucken.

Das darauf folgende Lied war so ergreifend, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Ich kannte es leider noch nicht und kann auch den Text nur ungenau wiedergeben, aber Zeilen wie "Ich bin ein Junge und ein Mädchen. Ich bin ein Mann und eine Frau." und "irgendwann gehe ich in meinem schönsten Kleid auf die Straße und werde keine Angst mehr haben" (sinngemäß) haben mich tief bewegt. Heftiger noch als dieses sexistische Arschloch schräg vor mir, was mit seinen homophoben Sprüchen mit ein Anlass für ebenjene Angst sein musste, von der Mogli sprach . Wenigstens wurde jener "in seine Schranken verwiesen".

Noch viele wunderschöne Momente sollten folgen. Dies alles in Worte zu fassen, übersteigt wohl meine Möglichkeiten. Diese Stimme und die Geige, dieses Leise, dieses Laute, dieses Verzweifelte, dieses Liebende, dieses Kämpfende. Früchte des Zorns sind einfach einzigartig.

Auf eine ganz andere Weise einzigartig war auch der zweite Teil des Abends.

Nach den Zugaben "In meinem Kopf ist eine Bombe" und dem zweiten Mal "Nach Haus" stürmte der Yok zusammen mit der Hella die Bühne. Sozusagen das lachende Auge. Wenn auch von der Zielsetzung ähnlich, trotzdem total anders. Lebensfreude und "Freiheit satt". Zusammen waren sie bereits bei "Revolte Springen" aktiv und vermutlich war die Hella auch noch in dem ein oder anderen der unzähligen Projekte vom Yok, der eigentlich Jörg heißt, beteiligt. 44 wurde der Herr an diesem Abend. 22 Jahre bereits musikalisch tätig und 20 Jahre in Berlin. Na wenn das kein Grund zum feiern war. Als Quetschenpaua weit über die Grenzen von Punk und autonomer Szene bekannt geworden, ist er doch über all die Jahre "irgendwie" derselbe geblieben (auch wenn er laut Hella gestern sogar ein Ticket für die U-Bahn gekauft hat und auch ansonsten manchmal bloß "im Kopf total solidarisch" ist). Kreativ wie nichts, textlich und wortakrobatisch unerreicht und wer linksradikale, lebensfrohe Texte mit nem Akkordeon unter die Leute bringt, ist sowieso einzigartig. Mit E-Gitarre, Ukulele, Melodika und natürlich Akkordeon bewaffnet, spielten sie sich die Seele aus dem Leib und ihre Zwischenansagen ließen Lachmuskeln bersten. Zwischen debilen Zaubertricks und der ein oder anderen Story blitzte dann auch schon mal eine Coverversion von Oma Hans (es war "der Rasenmäher" ... der Yok sieht dem Jens Rachut übrigens erstaunlich ähnlich) oder Acapella-Songs durch.

Am Ende kamen sie dann noch einmal alle zusammen auf die Bühne und beschlossen einen wahnsinnig tollen Abend, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Donnerstag, 5. Oktober 2006

Turbostaat am 04.10.2006 im Frühauf Leipzig

Da spielen doch tatsächlich die genialen Turbostaat in Leipzig. Das kann man sich doch nicht entgehen lassen, auch wenn mensch weder weiß wo das Frühauf ist (die Infos im Internet sind sehr spärlich), noch wann es losgeht. Also nach Leipzig, lecker Sternburg getankt und ab gehts. Wir waren zwar dreieinhalb Stunden zu früh da, aber das war nicht mal so schlimm. Das Frühauf ist ein netter alternativ ausstaffierter Keller mit viel subkulturellem Charme. Besonders toll ist die Bühne mit rotem Vorhang. Sehr schön. Da leider Dienstag war, kam ein Publikum, was hauptsächlich aus Mitte-Zwanzigern bestand, die voneinander nur durch ihre Auswahl an Buttons unterscheidbar waren. Fehlenden Individualismus kann halt keine Szene aufwiegen. Aber an dieser Stelle erspar ich mir das Gemotze über Studis, Alternative-Kultur, Trends und die Hamburger Schule. Dazu war dann Turbostaat doch zu geil. Doch vorher noch der Support durch eine Band mit Namen „The Data Break“. Passte zum Publikum. War nicht so mein Fall, allerdings war das Erstaunliche, dass gerade der Synthesizer alles gerettet hat. Dazu noch das Schlagzeug und es wäre sogar richtig geil. Leider mussten Bass, Gitarre und Gesang ja auch noch antreten. Naja, es war zu verschmerzen, kein epochaler Triumphzug in Herz und Geldbeutel, aber hörbar. Und dann kamen sie. Turbostaat war einfach nur so genial, dass ich es gar nicht fassen konnte. Vom Spielerischen her hundertprozentig auf CD-Niveau, wenn nicht sogar noch besser, dazu die Live-Atmosphäre, der niedliche Sänger, gute Kommunikation mit dem Publikum, welches sich sogar aufmachte mitzutanzen (was in den beengten Verhältnissen gar nicht so einfach war) und zack, war es eines der absolut besten Konzerte, was ich je gesehen habe. Wenn Turbostaat in deine Stadt kommt, schau sie dir unbedingt an!

Wünschenswert wäre mehr pogowillige Meute gewesen, so blieb es beim exzessiven Rumwackeln, aber war allemal geil. Von der neuen Single wurde auch fleißig gespielt und wenn sie nur halb so gut klingt, ist sie schon ein Pflichtkauf. Aber das Genialste am ganzen Abend war die Ansage vor dem letzten Lied. Die ganze Zeit gebangt, gehofft, gebetet, dass doch endlich "mein Lied" kommen soll, weil es doch mein Turbostaat- Favorit ist. Und dann hieß es:

So, seit 7 Jahren und 18 Tourneen spielen wir nun schon dieses Lied jedes Mal zum Schluss. Ich weiß gar nicht warum so genau, aber das ist halt so.

Und dann kamen doch tatsächlich die ersten Takte von eben jenem Lied. 18:09. Mist,verlaufen. Ich bin fast kaputtgegangen. Hammer.

Da der beste Indikator für ein gelungenes Konzert noch immer die Heftigkeit der Heiserkeit nach dem Konzert ist, muss ich noch hinzufügen: ich brachte danach kaum noch ein Wort heraus. Gespielt haben sie so gut wie alles, bleibt ja auch kaum was Anderes übrig bei zwei Alben, die zusammen bloß ungefähr eine Stunde füllen. Zwei Zugaben gabs noch und das Turbostaat-Erlebnis war perfekt.

Wer die Band noch nicht kennt, sollte mal auf deren Internetseite gehen (bei den Links), da kann man sich beide Alben herunterladen. Eines sogar in CD-Qualität. So muss Musik sein. Originale kaufen muss trotzdem sein. Und ist auch schon geschehen.


(Notiz: Mittlerweile sind Turbostaat bei einem Major-Label untergekommen und die Aussage, dass ich sie mit dem Kauf von CD's oder dem Besuch ihrer Konzerte unterstützen möchte, kann ich so nicht mehr stehen lassen. Nach drei unglaublich wundervollen Konzerten mit ihnen, brachten sie ihre dritte Platte "Vormann Leiss" heraus, die meines Erachtens nach nicht mehr mit ihren früheren Sachen vergleichbar ist und mich auf meinem vierten und bisher letzten Turbostaat-Konzert in ihrer Darbietung bodenlos enttäuschte. So kanns gehn mit Jugendlieben. Leider hab ich damals nie ein Review zum Konzert im UT Connewitz geschrieben. Das war eines der großartigsten Konzerte meines bisherigen Lebens...und wird es trotz allem bleiben.)

Sonntag, 19. März 2006

Fliehende Stürme in Chemnitz am 18.3.2006

So, damit hab ich also nach Glauchau letztes Jahr viereinhalb Monate später schon mein zweites Fliehende Stürme-Konzert hinter mir. Ein gutes Gefühl. Und wenn ich so zurückblicke muss ich sagen, dass ich dieses zweite, doch um Einiges objektiver einzuschätzen vermag. Der Mythos vom ersten Mal ist verblichen und lüftet den Schleier der Euphorie für Kritik . Nun ja, nicht wirklich. Auch Chemnitz war wieder ein wundervolles Konzert, an welches ich mich gern zurückerinnere. Nur fehlte diesmal das besondere Stück Einmaligkeit.

Nach einer zwar etwas planlosen, doch dafür erstaunlich perfekten Anfahrt, ging es nach Chemnitz in den Bunker, einer unterirdischen Location, von allen Seiten von Plattenbauten umzingelt. Gut getarnt jedenfalls. Ganz ungewohnt für ein Stürme- Konzi stolze 10 Euro Eintritt bezahlt und dann auch gleich unters wieder recht bunt zusammengewürfelte Volk gemischt. Der Altersdurchschnitt lag jedoch bedeutend höher. Substance of Dream kamen beim Publikum gut an und der Sänger quittierte es mit einem „Ihr seid zauberhaft“. Routiniert wurde das Programm inklusive Scheinwerferrumfuchteln und Nebel durchgezogen. Meine Lieblinge Paradise und Höllengott waren natürlich auch wieder dabei. Nach einer Zugabe ging es dann auch recht plötzlich mit den Stürmen weiter. Viele Lieder vom neuen Album wurden gespielt, die auch alle recht gut ankamen. Musikalisch war es diesmal eher minimalistisch. Soll heißen, dass die Melodien doch recht selten voll kamen und nur die gute Schlagzeugarbeit das Ganze wieder so genial gemacht hat. Mehrere Gitarrensaiten mussten dran glauben, so dass Andreas im Laufe des Abends nach der E- und der halbakustischen auf die Gitarre von Substance of Dream umsteigen musste. Unterhaltsam war es allemal. Und das ganz Besondere an einem Fliehende Stürme Konzert sind sowieso die Lieder, welche man bei keinem „normalen“ Punk-Konzert bekommt.

Himmel steht still stand da diesmal an vorderster Front (weil zu meinem Bedauern SchlafWandel nicht kam). Einfach fallen lassen, in Trance versinken und einmal wieder spüren wie gut es doch tut am Leben zu sein. Für solche Momente lohnt es sich doch noch, das alles.

Aber da das ja immer noch ein Punk-Konzert war, gab es natürlich auch wieder die hammergeilen Pogo-Knaller wie Zwischen Liebe oder Das Chaos brütet. Diesmal besonders krass war Trümmergemüt, welches statt der üblichen sechs Minuten, nur zwei bis drei benötigte und dementsprechend abging. Viel getanzt und heiser geschrieen und gemerkt wie sehr doch die eigene Kondition gelitten hat. So fast zum Schluss kam dann noch Kleines Herz, welches nie zu enden schien und das war auch gut so. Auf die alten Tage wurde noch Trinkerherz zelebriert und ich ging mit dem beglückten Gefühl, wieder einmal bei einem großartigen Konzert gewesen zu sein, nach Hause. Na gut, wir sind gefahren und die Bullen waren noch am stressen, aber Fliehende Stürme war es wert.

Die Vorfreude auf Fliehende Stürme und das Force Attack beherrscht von nun an alles.

Und ich warte immer noch darauf Wetterleuchten und Ein Tropfen im Feuer irgendwann einmal live zu sehen...

Noch eine diesmal recht unvollständige Setlist:

Kind
Das Nullsignal
Umarmung
Status
Trümmergemüt
Tag der Armut
Zwischen Liebe
An den Ufern
Höhlen sind dunkel
Springen
Spieler
Systemstörung
Killerblau
Trinkerherz
Kleines Herz
Himmel steht still
Maschinentrauma
Satellit
Das Chaos brütet

Alles falsch


(Notiz: *lach* ganz schön peinliches Review...hammergeil wie das abging *g* ...aber ich lass das einfach mal ohne jede Veränderung so stehen...vielleicht auch gerade deshalb.)

Samstag, 5. November 2005

Fliehende Stürme in Glauchau am 4.11.2005

Ein Erlebnisbericht zum Konzert der Fliehenden Stürme in Glauchau am 4.11.2005

Ich schließe meine Augen und höre eine Melodie, die Erinnerung steigt auf...

Was war das nur für ein Abend? Ich denke und denke, doch es will nichts anderes mehr aus dem Kopf fließen außer einem unbestimmten Glücksgefühl erinnere ich mich an jenen 4.11. zurück. Fliehende Stürme in Glauchau. Endlich würde der lang gehegte Traum, meiner Lieblingsband (große musikalische Liebe passt wohl eher...) einmal leibhaftig gegenüberzustehen, Wahrheit werden. Ich war bereits Wochen zuvor (positiv) aufgewühlt wie schon lange nicht mehr, sollte es doch der Abend der Abende werden, aus mehreren Gründen.

Wir waren viel zu zeitig da, trotzdem gabs bei Plus nur noch drei Sternburg Export für uns Vier. Aber das war auch egal,denn schon zu diesem Zeitpunkt war alles umgeben vom unnatürlichen Glanz der Vorfreude. Irgendwann gegen Zehn ging es dann auch endlich los. Die Räumlichkeiten des Café Taktlos in Glauchau mochten recht klein sein, ich fand es jedoch sehr gemütlich und familiär. Auch die Atmosphäre war entspannt und wirklich nett. Stärker als erwartet, wurde das Publikum von Punks bestimmt, Gothics waren nur wenige anwesend. Schon daran sieht mensch,dass die Fliehenden Stürme, trotz der musikalischen Nähe zum Gothic, noch fest in den Punkgefilden verankert sind. Insgesamt war es eine merkwürdige,aber sehr interessante (und der Band Rechnung tragende) Zusammensetzung des Publikums, stand mensch doch zwischen einem vielleicht vierzehnjährigen Iro-Punk mit einer „Ich bin Müll, doch ihr seid dreckig“ -Aufschrift auf der Lederjacke und einem Herren, der wohl schon an der Fünfzig schnuppert und spontan als unauffälliger Durchschnittsmensch kategorisiert werden würde.

Nun denn, Substance of Dream, welche sich den Drummer mit Fliehende Stürme teilen und deshalb eigentlich immer mit von der Partie sind, begannen den Abend mit Klängen der Gothicwelt.. Die Reaktionen des Publikums dementsprechend auch eher verhalten, mir gefielen sie jedoch wirklich gut und ich kann die Hinderungsgründe auch gar nicht so genau benennen, die mich davon abhielten eine CD von ihnen im Schrank zu haben (okay, es ist der Geiz). Schön hart, schön melodiös, schön dunkel spielten sie routiniert ihr Programm runter bis sich dann irgendwann ein wohlbekannter Kahlkopf aus dem Publikum löste und die Bühne stürmte. Andreas nahm den Bass und spielte noch ein wenig mit, bis dann zu „Krass“ von Chaos Z angestimmt wurde. Erstaunlich wie schnell doch eine Menge zum kochen zu bringen ist. Aus unzähligen Kehlen kam der Text und Pogo-Stimmung war schon zu spüren. Mit diesem Lied verabschiedete sich Substance of Dream und machte die Bühne frei für die Helden des Abends. Schon die ersten Sekunden Fliehende Stürme brachten die Ekstase und ich schien damit nicht allein dazustehen. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass zu FS pogo-tauglich wäre, aber ich war auch schon mittendrin als mir dieser Gedanke kam. Es folgten mehrere Stunden Entfremdung von der kalten Wirklichkeit. Die Verse kamen stoßweise aus der Kehle und ersetzten das Atmen, der Körper, ständig in Bewegung, dachte gar nicht daran stillzustehen und der Pogo war ein sehr freundlicher. Der Schweiß floss in Sturzbächen.Unterbrochen wurde das Schauspiel nur von Liedern wie SchlafWandel, bei denen nicht nur ich mich einfach fallen lassen konnte und alles, außer dem unbestimmten Glücksgefühl auf einem Stürme-Konzert zu sein, vergessen konnte. Augen zu und weggetaucht. Es war perfekt. Nur, dass ich die wirkliche Qualität der Darbietung überhaupt nicht objektiv beurteilen kann. Zu parteiisch, zu eingenommen war und bin ich von dieser Band und anstatt der befürchteten Ernüchterung nach dem Konzert, sind sie in meinen Augen nur noch größer geworden als zuvor. Und ich brenne schon auf die nächsten Konzerte.

Ich wünschte, ich könnte dich wieder sehen,doch ich kann nicht bleiben, ich muss jetzt gehen....

Irgendwann jedoch, muss ein jeder Traum einmal enden und so auch dieser. Es gab eine Zugabe, dann verließen die Drei die Bühne um noch zweimal wiederzukehren und jeweils ein Lied zum Besten zu geben. Pünktlich um zwei Uhr war es dann endgültig, der Abbau begann. Und ich (total heiser und erschöpft) musste, genau wie alle anderen den Boden der Realität wieder unter den Füßen spüren...

So ist das wohl das Ende,ich mache mich auf den Weg...

Highlights des Abends waren für mich das live viel energiegeladenere Zwischen Liebe,Tag der Armut (das FS-Livelied schlechthin),SchlafWandel und natürlich auch alle anderen. Immerhin ist jedes einzelne von ihnen ein kleines Lieblingslied. Nur das große Lieblingslied habe ich vermisst.(Die Chaos Z-Version von) Ein Tropfen im Feuer stand leider nicht auf der Playlist...

Anbei eine (vermutlich unvollständige) Liste der gespielten Stücke des Abends:


Springen
Alles Falsch
Das Chaos brütet
Maschinentrauma
Tag der Armut
Gestern
Satellit
Zerstörung
Kind
Zwischen Liebe
An den Ufern
Systemstörung
Himmel steht still
Spieler
Blauer Mond
Killerblau
Schlafwandel
Mein langsamer Tod
Die aus dem Schatten springen
Höhlen sind dunkel


(Notiz: Ich glaub das war damals das erste Review überhaupt...sprachlich ganz schön verkorkst, aber fernab all der Unzulänglichkeiten ist das Gefühl, das mich beim Lesen jedes Mal überkommt und die Bilder und Töne und den Rest des Abends wieder zu mir zurückbringen, einfach unersetzlich.)