Samstag, 30. Mai 2009

Impressionen vom Wave-Gotik-Treffen 2009

Jetzt sitz ich wieder hier in Berlin. Einige Tage sind schon verstrichen, mehr müssen wohl noch verstreichen, bis ich den Eintrag fertiggestellt haben werde - und es fühlt sich seltsam an.

Seltsam wieder in dieser Normalität zu sein, seltsam wieder den gewohnten Wegen nachzugehen. Das Wave-Gotik-Treffen hat einen tiefen Eindruck in mir hinterlassen und reizüberflutet wie ich war, versuch ich das jetzt alles mal so nach und nach zu verarbeiten und aufzuschreiben. Mal sehn, wie lang das wird.

Zunächst werde ich mal einigen Impressionen Leipzigs nachgehen. Leipzig kenne ich schon sehr lange und irgendwie ist es auch meine heimliche Liebe. Ich bin wirklich sehr gern in Leipzig und vielleicht auch, weil ich es dort sehr mag, fallen mir negative Dinge eher auf als anderswo. Die vier WGT-Tage standen vor allem im Zeichen von Überwachung und Kontrolle. Irgendwann hab ich mal gehört, Leipzig sei die Stadt mit der größten Dichte an Überwachungskameras in ganz Deutschland. Das allein ist schon erschreckend genug, findet sich doch immer irgendwo ein beobachtendes Objektiv. Ob nun Richtkameras auf den Dächern, überwachte Plätze oder Kameras in den Straßenbahnen, sie sind wirklich überall. Und mit ihnen eine sehr deutsche Mentalität von Überwachung, Ordnung und Sauberkeit. Auf den Flimmerpendants zum Berliner Fenster wird in den Straßenbahnen stolz von Freiwilligen berichtet, die Stadt und Bahn sauber halten und die Leipziger Verkehrsbetriebe halten ein extra Internet-Formular und großzügige finanzielle Anreize für durch treue Bürger_innen geschnappte Sachbeschädigende bereit. Und wer zerkratzte Scheiben auf öffentlichen Verkehrsmitteln für normal hält, wird in Leipzig eines besseren belehrt. Ein einziges Scratching auf einer Scheibe und daneben schon ein LVB-Aufkleber, der entschuldigend den Austausch der Scheibe gelobt. Das Urbane der Gegenwart wird sorgsam aus dem Straßenbild getilgt und der kleingeistigen Provinz Platz zur Entfaltung gegeben. Still muss es in Leipzig sein, wenn die Nacht hereinbricht und nicht gerade 20.000 Gothics durch die Straßen strömen. Andererseits wäre dies auch ein vernichtendes Urteil in derlei Einseitigkeit. Trotz allem ist Leipzig lebendig und durchzogen von Freigeistern. In den Straßen künden ab und zu Bilder und Kreationen davon. Von den, um wichtige Forderungen ergänzten FDP-Plakaten ("Für Gentechnik im Essen") hin zum allbekannten Rage against the machine-Motiv auf der Hauswand, es ist halt doch noch "the battle of L.E." - dass die Kameras, der Zwang und die Kontrolle noch lange nicht gewonnen haben. Das Unfertige, Formbare und der Aufbruch sind an vielen Ecken Leipzigs zu spüren und jeden Tag aufs Neue ringen Urbanität und Provinz miteinander.

Das Wave-Gotik-Treffen passt da ganz gut rein.

Was genau ich mir vom Wave-Gotik-Treffen versprach kann ich gar nicht mehr genau rekonstruieren, ist vermutlich auch gar nicht nötig, denn eigentlich wurden alle Erwartungen nur übertroffen.

Selten hatte das ethnologische Herz so viel Freude beim Austoben - und wird wohl in keiner Szene so offensichtlich fündig, wie in der derzeitigen "Schwarzen Szene". So viele Unterszenen, Weltanschauungen, Lebensweisen und mehrere Jahrzehnte Geschichte geben ihr Halt - auch wenn wenig verbindet, nichts trennt tief genug. Ich selbst verorte mich "nur" in einer der mittlerweile marginalen Bestandteile der Szene. In den wenigen Jahren, in denen Punk zu Gothic wurde, bin ich daheim, die (vor allem deutschen) Dunkelpunkbands wie Fliehende Stürme und EA80 haben nur mittelbar etwas mit Gothic zu tun und doch waren ihre angloamerikanischen Pendants irgendwann mal das was Gothic ausmachte. Dunkler Post- und Wave-Punk, der sich nicht auf Parolen reduzieren ließ und dessen Lebensgefühl intensiv und eigenständig genug war, eine neue Szene zu werden. Neben Vertreter_innen dieser frühen Gothicformen mit hochtoupierten Irokesen, ein wenig Schminke, Buttons und (hoffentlich Kunst-)Lederjacken und alles in allem noch recht punkorientierten Accessoires ist die Szene seit den späteren 80ern und 90ern deutlich vielgestaltiger geworden.

Metal hat genauso Einzug gehalten, wie Mittelalter-Verehrende, Cybergoths kamen hinzu, Barock und Romantik bilden einige ästhetische Bereicherungen, EBM-Leute, die teilweise an den Neonazi-Chic der 90er erinnern und vielfältige Fetisch-Outfits ergänzen das Repertoire, das noch deutlich weiter reicht.

Grob sind mir auf dem Festival einige Trennlinien aufgefallen. Sind durch die Punkwurzeln in den älteren Teilen der Szene Kreativität und schaffende Individualität noch wichtige Werte, ist in neueren Szenen ein beklagenswerter Hang zum Konsumismus zu verzeichnen. Schaue ich mir viele der Cyber-Goth-Outfits an, sind diese höchstens mehr oder weniger geschmackvoll zusammengestellt, bloß gekauft sind all ihre Bestandteile trotzdem. Auch wenn das doch noch ein gutes Stück von Uniformierung entfernt sein mag, Individualität in den verschiedenen Farben der Plastikschläuche in den Haaren, der Kontaktlinsen oder Einsätze in den Schweißerbrillen zu suchen, ist mir dann doch zu wenig. Auch inhaltlich ist diese, vor allem Jüngeren vorbehaltene Szene, nicht besonders ergiebig. Freizügig werden gesamtgesellschaftliche "Schönheits"normen reproduziert und jede_r kann mitmachen, so lange die Figur stimmt. Gesichtszüge wiederum sind egal, ein regelrechter Mundschutzkult verdeckt eh das Meiste. Viele Werte werden hier leicht über Bord geworfen.

EBM wiederum vergisst mit dem Hang zum Militarismus und hypermaskulinem Auftreten einen wichtigen Aspekt vergangener Gothic-Tage: Androgynie. Die sexuelle Offenheit und das Anerkennen verschiedenster Sexualitäten und Geschlechtsentwürfe ist einer der Gründe, warum ich Gothic viel abgewinnen kann. Auch das WGT wirkte auf mich wie ein Freiraum zum experimentieren und ausprobieren verschiedener Körperlichkeiten. Und das hat sich sehr schön angefühlt.

Das explizit Politische der Gothics ist durch Metal, EBM und andere Einflüsse auch immer geringer geworden, Gegenwarts-Kern-Gothics haben kaum politische Standpunkte, die ihnen allen zu eigen wären. Durch die insgesamt höhere Bildung der Durchschnittsgothics können natürlich ähnliche Standpunkte gefunden werden, die jedoch eher auf die Herkunft aus dem Bildungsbürgertum, denn aus der Schwarzen Szene verweisen. Einen Reiz versprüht dieses Gemisch trotz alledem. Denn noch immer sind Individualität und Freiheitlichkeit, Werte die oft vertreten werden. Persönliche Freiheiten spielen in all den - zum Teil kruden - Weltanschauungen eine Rolle und oftmals nicht die geringste.

Bei den zur Schau gestellten Inszenierungen musste ich mich allerdings auch fragen, inwieweit da überhaupt noch ein Sinn für Unangepasstheit besteht. Wiederum die "neueren" Szenebestandteile wankten oft auf den schmalen Graten zwischen persönlicher Ästhetik und Szeneoutfit, sowie sorgsamer Inszenierung und Fasching. Der Trend zu fragileren, täglich wechselnden Szeneidentitäten hat auch hier Einzug gehalten. Mögen die Menschen im Alltag "normal" aussehen, leben sie sich auf solchen Treffen aus. Das macht zum einen den Alltag grauer und die Menschen angepasster. Ich will nicht den befreiendn Charakter einer "Feiertagsinszenierung" leugnen, find es jedoch mehr als schade, dass der Widerstand im Alltäglichen mittlerweile nicht mehr zum Gothic-Standardrepertoire gehört (wobei zu fragen wäre, wie viel da überhaupt jemals über Äußerlichkeiten lief). Konsequente Lebensweise sieht jedenfalls anders aus.

Aber es gab ja auch noch Konzerte. 192 Bands plus minus ein paar sollen dann wohl wirklich dort gewesen sein. Allein die Zahl lässt seufzen. Anstatt jetzt über Preis, Leistung und Un/möglichkeiten zu diskutieren, lieber gleich zu denen, die ich mir angeschaut hab. Mein persönliches WGT-Programm war recht strukturkonservativ, ich hab mir meine Lieblingsbands angeschaut und jene, die ich schon immer mal sehen wollte, aber die mir für ein Einzelkonzert dann doch zu wenig geben würden. Viele sind da leider auf der Strecke geblieben, vor allem von den alten Post-Punk-Bands hab ich deutlich weniger gesehen, als ich gern gewollt hätte - aber da zumindest ich noch nicht die Rezeptur für gleichzeitiges an-mehreren-Orten-sein gefunden habe, muss ich mich mit dem begnügen was ging. Und das war auch schon mehr als in den Kopf passte. Viele Erinnerungen konnten sich gar nicht setzen, weil sie von neueren verdrängt wurden - so intensiv waren diese vier Tage.


Freitag

Nach der freitagmorgendlichen Anreise, dem Versuch Zelte auf Betonboden aufzubauen, dem Eintrudeln der weiteren Zeltgruppenangehörigen und dem Auschecken des Tagesprogramms, ging es erst einmal halbwegs kollektiv zu L'Ame Immortelle. Als nicht sonderlich mit den Szeneschlagern vertraute Person konnte ich damit recht wenig anfangen. Hauptbestandteile waren die ziemlich gut vorgetragene und breit im Gothic ausgefahrene Selbstmitleidsschiene, deutsche Texte, ein Schuss Romantik und wenig Verwertbares. Mir ist vor allem ein ziemlich abstoßendes Selbstverletzungslied in Erinnerung geblieben, welches mir durch Schmerz/Blut/Selbstverletzungsästhetik in Verbindung mit der Vorstellung (sehr junger) psychisch labiler Hörer_innen negativ auffiel.
Unterhaltungswert war trotzdem relativ hoch, aber auch recht eintönig.

Die nächsten in der riesigen Agra-Halle - deren Name eigentlich schon alles sagt - waren Combichrist. Ikonen neuerer Teile der Szene und nichts für mich. Der Anfang war noch recht kraftvoll, aber schnell verlor ich den Gefallen daran. Kann nicht wirklich die Vorzüge dieser Art von Musik erkennen, weil es teilweise noch nicht mal tanzbar klang - was soweit ich das abschätzen kann, ja schon "das" Kriterium zur Güte "solcher" Musik (Wikipedia meint: "Schnittmenge zwischen Aggrotech und Rhythm ’n’ Noise...was auch immer) ist.

Auch wenn ich jetzt vielleicht ungewollt in das Klischee von Elektro vs. Gitarrenmusik reinfalle, aber: ich war froh danach zu einem Konzert einer "richtigen" Band mit "richtiger" Musik zu gehen. Ist natürlich Schwachsinn, aber in dem Moment war der Gedanke sehr erbaulich.

Mit My Dying Bride im Kohlrabizirkus (auch sehr große Location mit riesigem Kuppeldach) waren dann aber doch gleich Menschen angetreten, die ganz andere Ästhetiken pflegten. Gothic, Doom und Metal fanden sich da zusammen zu einer wunderschönen, tief schmerzigen Mischung, welche als große Kunst durchgehen kann. Besonders einprägsam war der blutverschmierte Sänger, dessen Energie die gesamte Veranstaltung trug. Zwischen von Grund auf zerstört, tief leidend, wütendem shouten und den dazugehörigen musikalischen Untermalungen war alles dabei, was ein hochemotionales, technisch gutes Konzert braucht. Eines meiner absoluten Highlights des WGT. Mehr als beeindruckend.


Samstag

Samstag stand im Zeichen eines umfassenderen Herumstreunens in Leipzig. Gleich morgens wollten wir uns Krabat im Kino in der Innenstadt anschauen, leider waren viele andere auch auf die Idee gekommen und die Vorstellung war bereits "ausverkauft". So schauten wir kurz bei der Absintherie Sixtina vorbei und brunchten später an der Thomaskirche. Eine Spaltung später spazierten wir durch den Kulturpark Clara-Zetkin und hörten schon von weitem The Prostitutes. Die Getränkebeschränkungen veranlassten uns, dem Ganzen nur akustisch zu folgen, klang trotzdem ziemlich schön. Schön synthie-post-punkig alt.
Danach folgten Zin, ein Leipziger Placebo-Verschnitt und Mono Inc.. War beides eher unspannend für mich. Kann auch dran liegen, dass sie nur die Zeit bis Die Art verkürzen sollten. Jene wiederum haben ein sehr schönes Konzert hingelegt. Spielten sie zu Beginn Lieder vom neuen Album, denen ich erstaunlich wenig abgewinnen konnte, verlagerten sie den Schwerpunkt glücklicherweise recht schnell auf die vielen Klassiker. Höhepunkt war für mich wie immer "Das Schiff". Aber auch "Eternal Fall" und andere trugen zum gelungenen Gesamtbild bei. War das schon sehr schön, stellte sich jedoch kurz darauf eine bedeutendere Frage:

Wie könnte ich von einem Festival schwärmen, auf dem mir nicht mindestens ein Konzert begegnet ist, das mich tief bewegt und berührt hat?

Diesen Part durften auf dem WGT Theatre of Hate übernehmen. Die hießen bis 1983 so, waren vorher The Pack und machten danach als Spear of Destiny weiter. Die Besetzungen wechselten, Kirk Brandon der Sänger, war und ist das Zentrum. Ich kannte "Propaganda" von Youtube und war von diesem so begeistert, dass ich das Konzert gern sehen wollte. Schwankend, ob sich diese Odysee lohnen würde, hetzten wir dann doch noch von der Parkbühne los und kamen pünktlich zur Mitte des ersten Liedes im Felsenkeller an. Diese schöne Location, mit einer großen Tanzfläche und links und rechts jeweils Emporen, war gesäumt von lauter Dunkelmenschen der alten Tage. Es war sehr beruhigend zu sehen, dass nicht überall nur Cybergoths, Metalheads und Mittelalterfreaks rumhingen, sondern auch Batcave und Dunkelpunkgestalten wenigstens noch ihren Weg aufs WGT finden. Wenn vermutlich auch nicht mehr so zahlreich wie früher.

Wie schon angedeutet, war der Auftritt sensationell. Auch wenn viele der Spear of Destiny-Lieder Saxophon- und Backgroundsängerinnenuntermalt sind, war die klassische Bass, Gitarre, Drums, Sänger-Konstellation anzutreffen. Die Lieder waren ein Streifzug durch viele Zeitalter des Kirk Brandon-Universums und vermochten allesamt durch seine außergewöhnliche Stimme zu begeistern. Wenn er nur lange genug einen Ton hielt, kam die Gänsehaut von ganz alleine. Das lässt sich mit Worten kaum beschreiben, wie intensiv seine Stimme es vermochte, Zeit und Raum zugunsten eines unbestimmten Glücksgefühls verschwinden zu lassen. Höhepunkt war für mich eindeutig das Stück "Grapes of Wrath". Das Lied an sich ist bereits wunderschön, die Darbietung auf dem WGT fügte dem noch viele Facetten hinzu. Viel löste es in mir aus. Am Ehesten lässt sich das vielleicht damit beschreiben, ein verloren geglaubtes Fragment einer glücklichen Zeit wieder zu finden, eine Erinnerung an die oft übertrieben als glückselig stilisierte Kindheit - wobei es mehr Ahnung denn Erinnerung an jenen imaginierten Zustand ist, der sich so vollkommen und nur in den Grenzen des Bewusstseins anfühlbar darstellt. Eine Grenzerfahrung der ganz besonderen Art. Vermutlich auch dadurch begünstigt, dass ich das Lied vorher nicht kannte. Danach kam noch mein eigentlicher Liebling Propaganda. Leider vermochte es seine Stimme nicht mehr, die Dramatik des Stückes und seiner wunderschönen Variation ganz zu halten - wobei das wohl auch schwierig sein dürfte. "Do you believe in the Westworld" bildete den Abschluss.

VNV Nation in der Agra-Halle waren dann die letzten für unseren Abend. Vorher noch das Publikum des Feindflug-Konzertes hinausströmen gesehen und froh woanders gewesen zu sein. VNV Nation waren zu recht Headliner des Tages, sehr gute elektronische Musik paarte sich mit einer ausstrahlungsstarken Livedarbietung selbiger. Für mich nicht weltbewegend, aber sehr schön anzuschauen.

Sonntag

Der Sonntag wurde eröffnet durch einen Besuch des Heidnischen Dorfes. Acht Euro Eintritt bezahlen Menschen ohne Festivalbändchen. Ganz schön unverschämt. Unverschämt deshalb, weil die Leistung eigentlich nur darin liegt, Einlass in eine (wenn auch sehr schick) dekorierte Konsumwelt zu verschaffen. Na gut, vermutlich gibt es Menschen, denen sehr viel an ihrem Eskapismus liegt und die da viel Freude dran finden. Eskapismus ist glaub ich ein ganz gutes Stichwort. Wikipedia sagt: Als Eskapismus, Realitätsflucht oder Wirklichkeitsflucht bezeichnet man die Flucht aus bzw. vor der realen Welt und das Meiden derselben mit all ihren Anforderungen zugunsten einer Scheinwirklichkeit (imaginären Wirklichkeit). Ich sage, genau das und noch viel mehr war dieser Mittelaltermarkt. Exemplarisch kann ich das vielleicht am Grad der Ausbeutung nichtmenschlicher Tiere verdeutlichen. Viele Stände glorifizierten Produkte tierlicher Herkunft aus einem seltsamen Gemisch von Mythos und Gewaltkult heraus. Dass die meisten Menschen des Mittelalters aufgrund ihrer landwirtschaftlichen Gebundenheit nur zu hohen Feiertagen Fleisch und andere Tierprodukte konsumierten, wirft ein elitäres Licht auf Schwein vom Spieß etc. und ihre verkleideten Henker_innen. Dass diese Tiere vermutlich in der gegenwärtigen Massentierhaltung groß geworden sind, passt wieder zur verklärenden Realitätsflucht. Kitschige Kostüme erinnern an die Einbildung und Romantisierung einer ebenfalls gewalttätigen Vergangenheit. Auch wenn mein Wissen über heidnische Religionen beschränkt ist, bin ich relativ überzeugt davon, dass emanzipatorische Ansätze aus diesem Gedankenspektrum heraus, mit der Lupe gesucht werden können. Alles in allem ziemlich unangenehm. Zumal es wie gesagt, großteils ein absolutes Konsumfest war. Es gibt glaub ich so einige andere Zeitalter und Denkformen, in die zu flüchten sich mehr lohnen würde...

Später am Tag dann wieder etwas ungleich Positiveres. Fliehende Stürme, mal wieder einer der Gründe irgendwohin zu gehen, spielten in der riesigen Agra-Halle. Vorher saßen wir noch mit einem feinen Sternburg Export in der knallenden Sonne am Rand der Flaniermeile und haben uns satt geschaut. Auch wenn das mit dem Auftritt alles ein wenig skurril wirkte (viel zu große Bühne, viel zu große Halle, monströse Soundanlage), war es ein toller Auftritt. Auf 40 Minuten heruntergebrochen, war alles dabei was nie fehlen darf. Ein Schluck Bier und ein Dankeschön waren die einzigen Unterbrechungen eines Sprints durch alle Schaffensphasen. Beste Pogo-Stimmung, einige ruhige Momente und viel Gefühl. Brachte der Gedanke an die Kürze des Auftritts vorher noch ein unmutiges Grummeln hervor, so war dieser Extrakt eine mehr als gelungene Abwechslung zu den normalen Auftritten (auch wenn ich das zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, aber ich sollte sie kurz danach eh in gewohnter Länge in Potsdam sehen. So kanns gehen).

Danach noch für Frank the Baptist geblieben. War allerdings relativ blöd gelaufen. Die anfänglichen Lieder waren recht lahm, vermutlich war ihr Programm auf Spannungsaufbau ausgelegt, denn die letzteren wurden langsam besser. Doof an dem Konzept nur, dass sie sich in der Zeit verschätzt hatten. Sie wurden abgewürgt und mussten gehen, bevor sie ihre bekanntesten Sachen spielen konnten. Schade eigentlich.

Den Abend für uns beschlossen ASP. Darüber werd ich jetzt gar nicht viele Worte verlieren. Für einen Gothic-Headliner gehören sie zu den sympathischeren. Konsequent für Indvidualismus und gegen regressive Tendenzen in der Gothic-Szene positioniert (z.B. mit dem Konstantin Wecker-Cover "Sage nein"). Musikalisch überzeugten sie mich nur teilweise. Dafür war die Bühnenshow mehr als groß. Würde ich auf Entertainment stehen, wäre dieses Konzert wohl ein persönliches Highlight des WGT gewesen. So empfand ich die meterhohen Feuerwände nur als Augenwischerei. Ohne dieses Getrickse wäre jedoch trotzdem ein solides und zu Teilen echt schönes Konzert einer wichtigen Institutionen des deutschsprachigen Gothics übrig geblieben.

Montag

Am letzten Tag nun war aufräumen, packen und letzte Pläne machen angesagt. Nach dem Verabschieden schaute ich mir noch Inkkubus Sukkubus, Nosferatu und UK Decay auf der Parkbühne an. War eigentlich wegen UK Decay dort, aber das hätte ich mir wohl auch sparen können. Die beiden anderen Bands kannte ich vorher nicht und fand sie auch nicht sonderlich weltbewegend und bei UK Decay hatte dann nicht mal mehr das Wetter Lust und so blieben nur die Feststellungen, dass UK Decay großteils nicht tanzbar war, der Sänger ein ziemlicher Freak war (im positiven! Erinnerte mich manchmal sehr an Junge von EA80 mit seinen Akrobatiken und "Einfällen") und Regen naß ist.

Der Rest der Gruppe war zwischenzeitlich dann doch noch bei Qntal reingekommen und so ging ich noch eine Weile durch das bereits sommerlich angehauchte Leipzig, das statt Regen Sterne bereit hielt. Irgendwann setzte ich mich auf die Treppenstufen eines Gebäudes, das sich mir erst später als die geschichtsträchtige "Runde Ecke" offenbart. Schräg gegenüber war das Schauspielhaus und bevor wir Leizpig nun verlassen wollten, hatte ich so schon etwas Gelegenheit die letzten Tage Revue passieren zu lassen...

Donnerstag, 2. April 2009

Hotelzimmer Inferno im Duncker

Hotelzimmer Inferno hab ich, ganz im herrschenden Zeitgeist, irgendwann mal übers m*space gefunden, ein Add und schon wusste ich Monate später, dass das Konzert in Berlin im Duncker Club für lau stattfinden sollte. Gegenargumentationen gegen so ein Angebot laufen da ja wohl ins Leere. Im Nachhinein hätt ich wohl auch Eintritt bezahlt, hat aber nix mit Logik zu tun, denn - nein, an dieser Stelle kein schlechtes Wortspiel.

Mediotiv (die keinen einzigen Google-Hit liefern), eine reine "Frauenband", zog sich vorher noch deutlich in die Länge und irgendwie fiel es mir auch schwer, dafür eine Schublade zu finden. Wirkten Teile der Ansagen doch durchaus "politisch" und irgendwie auch so ein stückweit den ersten Anführungsstrichen des Absatzes entgegenwirkend, wäre das Prädikat queer im Endeffekt dann doch eher für das Gegenteil von geistiger Gesundheit zu verwenden. Irgendwo zwischen bemühter Jugendlichkeit/Lockerheit und seltsamen Anwandlungen der Sängerin mag das Ganze dann wohl doch deutsch-poppig in der Richtung vom kann-muss-nicht-Monster verortet werden. Vielleicht war das alles auch total gut durchdacht und voll kritisch und super engagiert, aber mir war das einfach zu anstrengend der Sängerin bei Michael Jackson-Posen und dem Sinnieren über die Bedeutung ihrer Strickjacke noch zu folgen und gehe deshalb auch schnell weiter zu dem was folgen sollte...

Hotelzimmer Inferno aus Leipzig (und London, ein Hoch auf die Weltgewandtheit, höhö) bereiteten dann einen Auftritt über den ich sehr gern viel schreiben würde, allerdings schon beim anderen-Menschen-davon-berichten gemerkt hab, dass das gar nicht so einfach ist.

Nun gut, die groben Grundstrukturen: fertig aussehender Schlagzeuger mit Silberjacke und Sonnenbrille, alternder Gitarrist mit Fähigkeiten, vorzeigbarer Bassist mit Emoscheitel und Explosion im hinteren Haarteil und...Frau Grande. Eine Meinung verglich musikalisch mit Hole, eine andere widersprach (weil Hole ja viel geiler sind!!!), Vergleiche hinken eh und dazu kommwa später auch noch...ich weiß nur, was mir die Ohren kaputt macht oder so. Jedenfalls find ich es grad schwierig meinen direkten Eindruck wiederzugeben, da ich mir im Nachhinein den meinungsbildenden Blog des HZI starke Verfälschungen eingefangen hab. Klar ist danach allerdings, dass bei ihnen wirklich alles vom Frau-Grande-Generalstab durchorganisiert wurde.

Die Bühne als konstruierter Raum der totalen Kontrolle und das Konzert als Dekonstruktion/Destruktion bis hin zum wiederum totalen Kontrollverlust. Dazwischen wechselhafte Stationen zwischen Brutalität, Verzweiflung, Punkrock, Lyrik und so weiter. Kapriziös verkörpert von der Figur Frau Grande. Zur Vorstellung, Frau Grande ist ein absatzvergrößertes Wesen, dass materielle Engpässe sowohl körperlicher als auch stofflicher Natur zu einer dominanten Kunstfigur verbindet, welcher das Pendeln zwischen Klischee und Brechung der schönste Zeitvertreib zu sein scheint. In längsgestreifter Strumpfhose und glitzerndem Oberteil kann die dunkle Drama-Queen ihre Auferstehung über den Pöbel feiern. Erhabenheit, Stolz und Unnahbarkeit kennzeichnen sie. Die Nase zu weit emporgereckt, um auch nur von den (leider existierenden) sexistischen Kommentaren merkbar Notiz zu nehmen. Nichts anderes als strikte Unterordnung unter das Programm gilt von nun an...und schon dieser Ausgangspunkt ist der Grundstein des Scheiterns an den Realitäten. Die Schönheitskönigin sieht nur Hässlichkeit in ihrem Spiegel, die Gesellschaft bringt ihr Denk- und Essstörungen, die Spaltungen, Frustrationen und Ängste sitzen tief, doch trotz lebenslang latenter Suizidalität: "du kannst versuchen mich zum kotzen zu bringen, doch dein Finger steckt nicht tief genug in mir drin". Stattdessen: "Ich möchte kein Teil dieser Gesellschaft sein (...) und vor allem nicht wie du."

Die Rosen am Mikrofon werden nach und nach zerrissen, Herzen mit Inschriften auf Vorder- und Rückseite (im Sinne von crack me - crack you, der "Personality Crisis" entnommen) im Publikum verteilt, Wasserfontänen ausgespiehen, Zusammenbrüche simuliert, Punk gemacht.

Musikalisch werden viele Welten durchgeschritten. Von rotzigem Punkrock, untermalt durch eine mindestens ebenso rotzig krächzende Stimme samt zugehörigen Texten über melodischere Stücke, deren Gitarrenläufe wohl nur mich an Die Art erinnert haben dürften, hin zu Balladen und einem Gedicht.

Da jedes weitere Wort sowieso nur verwässern würde, was die vorangegangenen bereits getan haben, kann ich nur hinzufügen, dass ich sehr beeindruckt war und mich irgendwie inspiriert gefühlt habe, von diesem Auftritt. Fünf von fünf oder so...

Samstag, 7. März 2009

Septic Dieter, Balboa Burnout, N.E.R.F. und Machete im Lokal

Nach zwei Tagen SO36 in Folge und diversen Negativerlebnissen aus Szene und Bewegung tat der Abend mal wieder mehr als gut. Die Diskussion, ob er für uns stattfinden sollte, war mal wieder der Ausgangspunkt. Da beim Lokal nie klar ist, wie viel der Eintritt sein wird und er dann meistens höher als gedacht liegt, auch irgendwo begründet. War jedenfalls gut sich dafür zu entscheiden, denn mit 6€ für vier Bands ging er an diesem Abend auf jeden Fall noch klar.

Bis auf die Ekel-Rauch-Stinke-Luft (manche nennen das ja 'Atmosphäre', hehe) wars schon gut gefüllt und gerade im Beginnen begriffen...noch nen Berlin-Szene-Pflicht-Getränk (Club Mate) eingeflößt und Machete beim Zocken zugeschaut. Den seltsamen Ansagen des Sängers zum Trotz ein cooler Auftritt, der mich musikalisch manchmal an Alpinist erinnern ließ, aber vermutlich gibt es in der Richtung noch deutlich treffendere Vergleiche. Gingen jedenfalls gut ab und wirkten wunderbar einstimmend auf das was noch kommen mochte. Stilistisch muss dem shoutendem Menschen jedoch zu Gute gehalten werden, dass kurze Jeans und Oberlippenbart ne top Kombi sind und so eine Ansage wie "nach 19 Liedern über Bier handelt das jetzt von so spanischen Arbeitern" schon gut kamen, vor allem in Verbindung mit dem dazu gehörigen Coverschlager "Samba Si, Arbeit no" von Roberto Blanco. Ganz großes Kino, sag ich da nur! Aber mein Verhältnis zu Schlagern gehört hier glaub ich nicht hin...

Die Nächsten waren N.E.R.F. und unkritisch wie immer fand ich auch die ziemlich cool. Inklusive dickem KORG-Synthie lustigen Punk gemacht - Powerviolence als Label dafür, von mir aus. "No limits"-Synthie-Cover, geht klar, schicke pinke Federboas, übergroße Sonnenbrille, Luftschlangen und Cowboyhut auch. Schön abwechslungsreicher und (selbst-)ironischer Auftritt, mocht ich - auch musikalisch.

Balboa Burnout als eigentlicher Headliner nun schon als dritte Band. Tja, schwierig das einzuschätzen. Den Auftritt fand ich schon recht gut, allerdings hab ich das Problem, dass ich durch El Mariachi (die ich nie live gesehn hab) vorgeprägt bin und dementsprechend die Musik nicht so gut fand, wie anno dazumal. Nach eingängiger Diskussion nach dem Auftritt sind mir jedoch noch mehr Dinge klar geworden. Zum Einen, dass der Grat zwischen "Rampensau" und "Proll" manchmal relativ schmal ist und zum anderen, dass der Sänger wie die Band diesen Grat perfekt verkörpern. Also klar, könnt ich mich hinstellen und das als prollig abtun. Doch selbst mit ner "Tschüssikowski ihr Arschgeigen"-Verabschiedung ist das irgendwie nicht gerechtfertigt. Da standen Menschen auf der Bühne, die einfach noch an Hardcore glauben und schon - für die Verhältnisse modernen deutschen HCs - ewig dabei waren. Glauben sollte in diesem Zusammenhang wohl eher in Großbuchstaben geschrieben werden - das Glänzen in den Augen des Sängers als Beleg dafür. Sie schienen viel Spaß an dem zu haben, was sie da machten. Und das übertrug sich auch. Die eingangs erwähnte Kritik meinerseits ändert daran nichts. Denn der Auftritt war...ja, jetzt kommt wieder das böse A-Wort...authentisch. Müsste öfters gesagt werden, denn oft gibts das nicht mehr. Klar, Bock auf ihre Musik haben viele Bands, aber ihre Verkörperung auch zu leben, nun ja. Jedenfalls sehr unterhaltsam - auch durch die Bebierduschung des Bassisten, hehe. Was ich von Balboa Burnout musikalisch nun so recht halten soll, weiß ich noch nicht, aber da waren auch einige schöne Melodien bei.

Für den würdigen Abschluss des Abends sorgten Septic Dieter. Wiederum sehr unterhaltsam. Wenn ich das jetzt schon mehrmals geschrieben hab, so soll das keineswegs abwertend klingen, vielmehr hab ich mich den ganzen Abend über sehr gut unterhalten gefühlt, viel gelacht, gute Musik gehört und ganz viel Spaß gehabt (alkfrei! wen auch immer das interessieren mag...). Septic Dieter machen Thrash, in diesem Fall bedeutete das kurze, schnelle, lustige und politische Liedeleins, die zu überzeugen wussten. "Deutschland ist halt ein Opferland" - amen. Nichtsdestoweniger trotzdem auch "Arsch frisst Hose" und "das nächste Lied handelt von Leuten, die die Klettverschlüsse ihrer Schuhe nicht zu kriegen" (oder so ähnlich). Alles was gebraucht wird. Politisch ernst, menschlich humorig, musikalisch ausgereift (?) und insgesamt empfehlenswert. Ich überleg grad welche Band des Abends mich so stark an Dean Dirg erinnert haben - glaub es war Septic Dieter.

Jaja, die Abende, die am Längsten in der Schwebe hängen, sind manchmal dann doch die Geilsten. War lange nicht mehr auf so einem angenehmen und positiven Konzert. War sehr fein, das alles.

Freitag, 24. Oktober 2008

Tesa, Silards, Insuiciety, Who's my saviour, Sugartown Cabaret in der Scharni 38

Ist mittlerweile ja auch schon wieder ewig her. Trotzdem jetzt noch das Review. Vorausschickend sei zu erwähnen, dass dies mal wieder einer jener Abende war, die noch lange nachwirken und Erinnerungen produzieren, deren Bewahrung noch lange Kraft spendet. Also einer von den ganz großen. Auch wenn Tesa aus Riga alles übertrumpfte, so war die Mischung der Bands davor auch ein verdammt guter Ausgangspunkt dafür.

Die Scharni38 kannte ich bisher hauptsächlich vom Schnarup-Thumby, die Kneipe, die ebenfalls darin beheimatet ist und ihren vormals großartig trashigen multisexuellen Parties. Leider sind die jetzt musikalisch hauptsächlich mit Elektro-Kram statt Alltime-Trash und Hits gefüllt. Trotzdem sehr nette Location, in der ich immer wieder gern bin.
Trotz viel zu spät da sein, waren wir zu früh. Aber das ist ja nicht ungewöhnlich.

Den Anfang machten dan irgendwann Sugartown Cabaret. Emocore aus Frankreich und sehr angenehm. Mochte sie auf Anhieb, die Musik ist einfach mindestens genauso gut wie deren Zurschaustellung, alles passte, gelungener Auftakt. Texte kenn ich natürlich keine.

Who's my saviour aus Rostock machten so ne Art Death Metal, der irgendwie aufgesetzt und viel zu lieb und durch völlig deplazierte Knüppelpassage mehrlustig denn bitterböse wirkte.

Insuiciety hab ich ja nun auch schon mehrfach gesehen und fand sie auch an diesem Abend wieder fein, wobei ich teilweise sogar Zugang zu ihrem neuen Material gefunden habe, was metallischer und weniger Sludge als noch das alte (tolle) Zeugs daherkommt.

Die drei ersten Bands habe ich jetzt nur im Schnelldurchlauf vorgestellt, weil sie zwar für einen netten Abend sorgen konnten, aber nie auch nur ansatzweise das hätten ersetzen können, was nun folgte.

Silards ist ein Nebenprojekt von Tesa. Selber Drummer. Ob die beiden anderen auch bei Tesa sind, weiß ich grad nicht. Jedenfalls noch ne Heimorgel und ne Gitarre und komplett instrumental. Und komplett tanzbar. Sehr beschwingt und positiv das Ganze. Ich mochte es sehr, hat dem spät gewordenen Abend wieder neues Leben eingehaucht. War sehr schön, wenn auch noch lange nicht so athmosphärisch wie Tesa.

Ein schlagzeugspielender Kumpel kam den ganzen Auftritt über nicht klar, was der Drummer da hinlegte. Und ich konnte in Ansätzen nachvollziehen was er meinte. Schlagzeugeinlagen übelster Sorte und dazu noch die Vocals - Respekt. Naturtalent, gute Übung, was auch immer, mir egal, aber der war richtig großartig.

Vermutlich war es genau der souverän geführte, extrem abwechslungsreiche Rhythmus, der dazu führte, dass Tesa in Tiefen vordrangen, die ich sonst den wenigsten Bands, die nach Screamo-Art Musik machen, zusprechen würde. Aber vielleicht kenn ich mich in dem Sektor auch nur zu wenig aus. Envy aus Japan ist immer mein schlecht passender Vergleich, der unter Umständen helfen kann, ein wenig der Wirkung Tesas zu erklären, wenn mensch die noch nie gehört hat. Nicht ganz so episch und auch nicht so (wut)ausbruchlastig, dafür mindestens ebenso in sich ruhend und alles in sich aufnehmend. Musik, die zum versinken einlädt. Die Lieder gingen entweder ineinander über oder waren kaum zu trennen. Keine Ansagen. Augen zu und reingelegt. Abschweifende Gedanken und Bilder glücklicher Tage im Kopf, flossen die Ströme der Erinnerung im Verlauf der Melodien vor sich hin und wuchsen mit der Intensität der Musik.

Ihre Myspace-Seite nennt unter anderem als Einflüsse Isis, Converge und Sigur Ros woran schon zu sehen ist wie weit gefasst das Spektrum und wie tief die Abgründe sind, welche Musik mit diesen Eckpfeilern beinhaltet.

Wie lange sie gespielt haben, kann ich im Nachhinein kaum sagen, auch nicht was und wie und so weiter. Weil es empfindungsmäßig in einer anderen Realität angesiedelt war. Eine, in der es nicht ums aufnehmen und realisieren, sondern ums verschmelzen und sich Verlieren geht. Und genau das ist passiert. Fühl mich grad als würde ich über Trance oder irgendwelche andere Elektro-Mucke schreiben, aber vielleicht sind die Erfahrungen auch gar nicht so unterschiedlich. Nur, dass sie zu mehreren Zugaben gezwungen wurden und dass das bei ner Band wie Tesa heißt, dass sie mal eben ne halbe bis dreiviertel Stunde länger spielen müssen. Die Armen waren am Ende total erschöpft und es war auch schon halb fünf oder so.

"Mal wieder" (hehe) eines dieser bewusstseinserweiternden Konzerte und obwohl ich Tesa schon einmal gesehen habe, fand ich sie diesmal noch beeindruckender und tiefergehender.

Glatte Fünf von Fünf für den Abend.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Fliehende Stürme & Die Angst in der Chemiefabrik Dresden

+++Vorbemerkung: Nach Verfassen des Reviews wurden mir äußerst beunruhigende Infos (danke an killerblau dafür!) über den politischen Charakter der Vorband zuteil. Aus Faulheit ergänze ich einfach nur den Absatz, der von ihnen handelt.+++


Manchmal ist Timing einfach alles. Manchmal sind solche Sprüche aber auch der absolute Schwachsinn - wie so vieles.
Jedenfalls hat mich der Berlin-Koller diesmal im exakt richtigen Moment getroffen - nämlich erst kurz vor der Abreise Richtung Dresden. Klappt halt doch. Manchmal.

Der Grund Hauptstadt gegen Landeshauptstadt zu tauschen war offensichtlich ein gewichtiger. Fliehende Stürme. Das letzte Mal in der "alten" Besetzung - also jene, die ich live seit meinem ersten Stürme-Konzert gewohnt bin. Spät geboren halt.

Dank Deutscher Bahn endete die Fahrt vorerst in Coswig. Ostdeutsche Provinzbahnhöfe sind doch das Coolste. "Sie haben noch Anschluss an Oberlippenbartensemble und Intoleranz mit erhöhter Wahrscheinlichkeit neonazistischer Übergriffsszenarien". Vielen Dank Lügen-Schaffnerin, nix mit S1 nach Schöna. Nach dem ersten Grummeln jedoch eine hauptstadtarrogante Überraschung - nur eine halbe Stunde bis zur nächsten S-Bahn. Hammer. Mensch rechnet ja immer mit dem Schlimmsten außerhalb des Berliner S-Bahn-Ringes, hehe.

Jedenfalls kurz darauf in der Dresdener Neustadt aufgeschlagen und gerstensaftversorgt ab in die Chemiefabrik. Sehr netter Laden und gleich für perfekte Ausgangsbedingungen gesorgt. Sternburg Export im Thekensortiment, dazu Stürme und Die Angst, das gabs doch schon mal...damals in Potsdam. Und, wie sollte es anders kommen, wurde auch dieses eines der schöneren bis schönsten Stürme-Konzerte.Allerdings mit einem bitteren Nachgeschmack...

Die Angst. Ja, der Name passt, denn nachdem ich jetzt weiß, was mit denen geht, bekomme ich es doch auch ein wenig mit der Angst zu tun. Einer von denen spielt auch bei Sonne Hagal und die hängen in dieser ganzen Neofolk-Nazikacke tief mit drin. Ausführlicheres gibts beim Ex-Die Angst-Label:
Thought Crime Records

Da schreib ich was über Neo-Nazis in der Provinz und schau mir selber einen auf der Bühne samt Band, die sich dazu nicht äußern will, an. Zum kotzen.

Schon erstaunlich, dass das so wenig bekannt ist. Denn auch wenn ich die Chemiefabrik nicht kenne, so wirkte sie auf mich doch wie ein liebenswürdiger Rückzugsort linker Subkultur(en). Und wissentlich hätten die so einen Gig sicherlich nicht durchgehen lassen. Krasse Scheiße jedenfalls. Den Rest, den ich über die Angst schrieb, lösch ich raus. Mich würde nur interessieren, wovon eines ihrer Lied handelte, in dessen Refrain "Auschwitz" und "Bergen-Belsen" fielen. Mehr war nämlich für mich nicht zu verstehen und nach diesen Erkenntnissen wirkt das doch mehr als zynisch alles...und es zeigt, dass der Grat zwischen "dunkler" Musik und religiösen/ rassistischen/faschistischen Ideologien unglaublich schmal ist. Unpolitisch gibts halt doch nicht. Gerade vor diesem Hintergrund finde ich es gut, dass Fliehende Stürme auf ihrem neuen Album wieder deutlichere Worte finden, die an die guten alten Chaos Z-Tage zurückdenken lassen:

Hör nicht hin/ Nur noch Wut/ Es ist falsch/ Leerer Raum/ Immer das Gleiche/ Schon gelebt/ Keine Heimat/ Nicht existiert (Fliehende Stürme - Ex-ist)

oder halt die klassische Absage an Deutschland und den ganzen dazugehörigen Dreck:
"Ich glaube nicht an dich/ Ich spucke dir ins Gesicht/ Und mich, mich kriegst du nicht" (Chaos Z - Krass)

Aber, da ich das ja wie gesagt das alles erst hinterher erfuhr, ging der Abend unbetrübt und gutgelaunt weiter:

Und die Stürme. Dürfte mein neuntes Konzert mit ihnen gewesen sein. Sehr beruhigend zu wissen, welche Auswirkungen ein Stürme-Konzert haben kann und wird. Die entnervenden Tage und Wochen vorher mit sternburgbelasteter Stürme-Athmosphäre weggespült - einfach eine perfekte Entgiftungs- und Entrümpelungskur gegen Berge aus kontaminiertem Gedankenmaterial. Und mit der Gewissheit, dass das passieren wird, lebt sichs doch gleich viel freier.

Jedenfalls waren mal wieder all die essentiellen Bestandteile eines Stürme-Konzertes vertreten und auch die zusätzlichen Liedelchen trafen meinen Geschmack. Von "das Chaos brütet" über "Alles Falsch", "An den Ufern" und "Tag der Armut" bis hin zu "Die aus dem Schatten springen" und "Killerblau" riss jedes Lied tiefere Furchen in die Kehle, welche von der ersten bis zur letzten Zeile jedes Lied der Bühnen-Klangwand entgegenschleuderte.

Leerschreien. Was für ein befreiendes Gefühl.
Erstaunlich, dass ich danach kein bisschen heiser war.

Auch von den neuen Sachen wurde viel gespielt. "Lunaire" und "Bakterien", aber auch "Erinnerung", "Kind" und so weiter. Die Mischung hat gestimmt - weil sie einfach ganz viel gespielt haben. Sie konnten sich zwar nur zu zwei Zugaben überreden lassen, aber das hat schon gepasst, denn die wichtigsten Lieder fielen ja bereits.

Was mir mal wieder besonders positiv auffiel ist die beinahe Unsichtbarkeit der Band. Sie kommen auf die Bühne, wünschen einen guten Abend, trinken ihre Biere, rauchen ihre Zigaretten, sagen wie das nächste Lied heißt und spielen es runter. Irgendwann wünschen sie eine Gute Nacht und "kommt gut nach Hause" und das wars dann.

Keine bescheuerten Ansagen, keine unnötige Selbstdarstellung, keine "Choreographie". Einfach nur Fliehende Stürme. Texte und Musik reichen aus, um alles zu (er)klären.
Mehr bedarf es nicht.

Das beeindruckte mich schon beim ersten Mal. Und das wird es noch oft tun. Auch wenn es mittlerweile dank Routine nicht mehr dasselbe ist, wie vielleicht das erste oder zweite Mal - so bleiben es doch immer wundervolle Momente der Weltentbundenheit, um nicht zu sagen Freiheit. Oder noch pathetischer: Dunkelfreiheit. Ja, vermutlich relativ genau so:

"Ich will durch die Zeiten wüten - nichts tun, was mir nicht gefällt
Whiskey trinken in der Hölle - Stimmung ist so killerblau

Drück mich kräftig doch halt mich nicht zurück
Drück mich kräftig - ich suche das Glück"

Freitag, 3. Oktober 2008

03.10. Kafkas, Culm und Grizou im Lokal (Berlin)

Der Tag der deutschen Einheit ist ja tendenziell eher ein Tag für Grummelstimmung zwischen patriotischen Radiomoderationen und Festlichkeiten für keine Ahnung wen. Aber mit einer Dauerschleife "Deutschland has gotta die" von Atari Teenage Riot und der Gewissheit, dass es am Abend noch ein schickes Konzert geben wird, können darüber hinwegtrösten, dass es einfach ein Scheißtag ist.

Am meisten hab ich mich merkwürdigerweise nicht auf die Hauptband gefreut, nein, vielmehr wollte ich endlich Grizou (aus Berlin) wieder sehen. Zwei Mal sah ich sie in der Vergangenheit bereits als Vorband. Einmal von The Devil in Miss Jones und einmal von den Boxhamsters. Letztere spielten sie locker unter den Tisch und auch wenn ich die Aufnahmen, die ich von Grizou habe (also das Gratiszeug ausm Netz), eher mäßig bis ganz gut finde, sind sie live doch mehr als lohnenswert (weil schneller und härter!).

Sie machen einen Stil, den es viel zu selten gibt. Musikalisch im Deutschpunk verwurzelt, aber trotzdem an den Instrumenten fit, schöne Melodien, verbunden mit einem Gesang, der beste Screamo-Qualitäten aufweist und schon gibt das ne schicke Mischung. Weiß gar nicht, was ich großartig dazu schreiben soll außer, dass sie mich wieder einmal ziemlich begeistert haben. Die neuen Sachen (wie neu sie auch immer sind), klingen teilweise richtig gut - am meisten hat mich jedoch gefreut, dass sie ihr Konzert mit meinem Liebling "Das Leben ist schön" beschlossen.

Danach waren "Culm" (aus Rheine) an der Reihe. Die gaben ihr letztes Konzert und bezeichnend war wohl, dass es in Berlin als Vorband der Kafkas und nicht in ihrer Gegend als IHR Abschiedskonzert stattfand. Dementsprechend war auch die Musik. Ganz nett, aber irgendwie doch nur Schublade Indie-Rock (und nicht "Post-Core" wie auf den Plakaten) und ohne Zugabe von der Bühne. Blass und schnell vergessen. Auch wenn es fies ist, so etwas über ein Abschiedskonzert zu schreiben und natürlich nur das ist, was ich empfunden habe.
Ich hoffe ehrlich, dass es anderen Menschen anders erging. Sonst wärs wirklich fies.

Und dann auch "schon" die Kafkas, war ja erst mitten in der Nacht, weil das Konzert so spät begann. Jedenfalls, Kafkas. Hab ich in meiner Teenie-Deutschpunk-Zeit relativ oft gehört. Also das Album "Privilegienthron". Mit mehr hatte ich damals nicht viel zu tun - den Rest erst später beiläufig entdeckt. Und fürn Fünfer sieht mensch doch gern mal so ein Stück Jugend. Am Treffendsten für diesen Auftritt ist vielleicht der Begriff "schräg".

Zwischen reich verteilten Pöbeleien des Sängers an seine Mitmusizierenden und der Feststellung, "dass ihr das geilste Publikum seid, dass wir je hatten - danke Hamburg!" gabs auch Musik. Die war laut und bei den Liedern, die ich kannte auch sehr schön - weil mitsingen können und so. Die neuen Elektropunk-Tracks kamen vom MP3-Player, der nicht so recht wollte, und irgendwo auf dem Boden kurz vorm Drauftreten lag. Die gerissene Saite sorgte für minutenlange Kleinkunstaction. Die Einlage einer Zuschauenden mit so nem Karnevals-Song von wegen totem Mops oder so, war nur beim ersten Mal lustig - beim zweiten Mal eher anstrengend. Auch die Einbindung einer Pöbelecke eher nervig - denn Menschen, die sexistische Beleidigungen von sich geben, brauchen meines Erachtens nach, nicht noch extra Bühne und Aufmerksamkeit zu erhalten.
Gab aber auch schön Vegan- und Tierrechtspropaganda und so soll das doch auch sein. Wenigstens ein steckenpferdiger Anfang, um die p.c.-Ehre zu retten.

Die Songauswahl hat im Endeffekt auch ganz gut gepasst, auch wenn ich weniger kannte als angenommen. Aber gibt ja auch bald ein neues Album. Sehr gefreut hab ich mich über "Lebensrezeptur".

Skurril und teilweise beinahe schon absurdes Theater, aber ein schöner Gig.
Und ein schöner Abend.

Samstag, 2. August 2008

Sucks'n'Summer 2008 - Samstag

Da am selben Tag in Leipzig der Rave für Tierbefreiung statt fand, musste ich vorerst mit elektronischer Musik vorlieb nehmen und verpasste einige der frühen Bands. Voll mit elektronischen Beats musste dann der Hardcore seinem Namen erstmal gerecht werden.

Die ersten, die ich sah, waren eine lang verschollene Früh-Jugend-Erinnerung: Misconduct. In eben jenem AJZ Leisnig waren sie Hauptbestandteil meiner allerersten Hardcore-Show. Keine Ahnung wann das war, scheint Ewigkeiten her zu sein. Jedenfalls war die Show großartig und Misconduct auch. Ein wenig verlor ich sie aus den Augen, doch es war hübsch sie einmal wieder zu sehen. Auch wenn vor der Open Air-Stage gegen 18:00 noch nicht so viele Menschen versammelt waren und nur einige eingefleischte Fans für Stimmung sorgten. Dazu gehörte ich allerdings merkwürdigerweise auch recht schnell wieder. Denn ihr süßer schwedischer Melodycore mit den plakativen Texten, geht schnell ins Ohr und viele Lieder konnte ich auch nach Jahren noch mitsingen. Sehr angenehmer Einstieg, auch wenn ich an Unity und Hardcore Pride irgendwie nicht mehr so recht glauben mag. Erstaunlich, dass das bei ihnen trotzdem nie prollig oder machomäßig wirkt, sondern aus tiefster Überzeugung heraus entstanden zu sein scheint. Menschen mit Überzeugungen.

Weiter ging es mit All for Nothing aus den Niederlanden, die mit ihrem schweren female-fronted Hardcore alles überrollten und die Stimmung anzuheizen vermochten. Relativ coole Band, die mensch sich gern mal geben kann. Allerdings auch nichts, was jetzt irgendwie sonderlich herausragt.

Sworn Enemy wollten wir bewusst verpassen, durch einen unvorhergesehenen Line-Up-Dreher, verpassten wir aber stattdessen Wisdom in Chains. Sworn Enemy machen metallischen Bollokram. Muss ich mehr sagen?

Danach dann allerdings eine Überraschung: The Architects. Die waren richtig geil und erinnerten in ihren besten Momenten an Dillinger Escape Plan. Ein breites Grinsen im Gesicht für ihr professionelles Gefrickel da oben. Sehr schnell unterwegs und technisch immer für eine unerwartete Wendung gut. Haben sehr viel Spaß gemacht!

Und waren doch nur Wartezeitüberbrückung für die heiß ersehnten Bane. Auch ganz in der Gegend, nämlich im Jugendhaus Rosswein, sah ich sie vor einiger Zeit das erste Mal und die Jungs aus Massachussetts vermochten es doch glatt meinen Glauben an Hardcore wieder herzustellen. So eine Aufrichtigkeit, so ein Commitment und so viel Herzblut, was sie verströmen - das steckt an. Die leben Hardcore mit allem was das heißt - und das schon seit vielen Jahren. Und bleiben den Idealen treu, von denen die neueren Hardcore-Generationen so wenig wissen wollen. Leicht gealtert stehen sie da auf der Bühne und schaffen es (nicht nur mich) noch immer zu elektrifizieren. Für die verliere ich doch gern im riesigen Outdoor-Circle Pit meinen Schuh. Wenn mir dann Leute wieder aufhelfen und mir zeigen, dass es das alles noch gibt, was Hardcore heißt.
Und kommen dann die Anderen, die "neuen", dann ist klar was passiert. Ein Typ hat einem anderen paar gelangt - einfach so. Bane beenden ihr Lied und sagen, dass sie nicht weiter spielen, bis dieser Typ sich verpisst. Weil sie so etwas nicht haben wollen auf ihren Shows. Weil sich so etwas nicht gehört auf Hardcore-Shows. Und weil viel zu wenige Bands das Maul aufmachen, wenn es so weit kommt. Weil jene Bands die Kids im Pit scheinbar nicht mehr interessieren.

Ich bin so froh, dass es noch Bands wie Bane gibt. Und solange sich das nicht ändert, glaube ich auch weiterhin manchmal noch an Hardcore und alles was damit zusammen hängt.

Ein Beispiel mag vielleicht sein, dass ich bei Weitem nicht Straight Edge bin. Allerdings verbietet es mir der Respekt vor den Bands und deren Lebenseinstellungen auf Hardcore-Shows zu trinken (rauchen sowieso nicht). Schade, dass ich damit relativ alleine da stehe.

Denn gleich danach kam der Vorschlaghammer, die Ideale zu zertrümmern. All Shall Perish. Widerlicher Metalcore für Tough Guys, wobei das -core auch getrost weggelassen werden kann. Das hat nichts mehr mit dem zu tun, was Hardcore mal hieß und teilweise noch heißt. Ich bin auch gleich gegangen.


Wie bereits am Freitag wurde das Festival gegen Mitternacht wieder ins gemütliche AJZ verlagert und noch einmal richtig Gas gegeben.

Begonnen wurde mit Strength Approach aus Rom, die viel mit den sich noch anschließenden To Kill zu tun haben, die ebenfalls aus Rom kommen. Sowohl musikalisch als auch meinungsmäßig und von ihrer Klasse her, stimmen sie so mit To Kill überein, dass ich auch gleich über die schreiben kann. Sehr schnell, leichte Metallkante (Strength Approach nicht so sehr), aber trotzdem Hundert Prozent Hardcore. Vegan Straight Edge - Commitment for Life. Hehre Ideale, hochpolitisch und krasse Mucke. Zwei Bands, die unheimlich Spaß machten. Schade, dass mir schon so viel in den Knochen steckte, sonst hätte ich mich liebend gern zu beiden verausgabt. Unbedingt mal geben, wenn die in der Stadt sind.

Tja, und auch wenn bzw. weil es eigentlich kaum noch besser werden konnte, musste das halt trotzdem noch passieren.

Den krönenden Abschluss des diesjährigen Sucks'n'Summers bildeten die großartigen Tangled Lines, die großteils aus Dresden kommen. Den Drummer teilen sie sich mit Vitamin X und wer die kennt, weiß wie rasendschnell der ist. Auch stilistisch sind The Tangled Lines in dieser Richtung zu verorten. Sauschnell, laut und den Idealen des Hardcore noch immer verhaftet. Dazu ein schöner "Hauch" Ostigkeit - der Gitarrist mit langen Haaren und Oberlippenbart könnte auch einer 70er-Jahre-DDR-Rockband entsprungen sein - inklusive Dialekt. Die alte Schule mit schnellerem Beat.

Für Hardcore (leider) genau so ungewöhnlich wie wohltuend, dass es eine Sängerin gibt. Und auch wenn ich es doof finde, plötzlich mit Schwärmen anzufangen, wenn da mal kein Typ auf der Bühne steht, aber die Frau ist einfach bezaubernd. Die Freude, der Glanz in den Augen, die Ansagen, da steckt noch Feuer und Energie dahinter. "Zum Glück sind die Windmühlen schon nach Hause gegangen - wer hier Windmühlen machen will, kriegt von mir persönlich paar mitm Knie in die Eier" und alles ist geklärt. Kein Metal-Mosh, kein Tough-Guy-Shit, nur Stage-Diving, Circle Pits und dick Pogo. So macht Hardcore noch Spaß. Leider war ich selbst -wie gesagt- nach den beiden Tagen total platt, so dass ich nicht mehr viel mitgemacht hab, aber diese Band ist einfach zu geil. Poltern in einer atemberaubenden Geschwindigkeit los und kaum ist das Lied zuende, entschuldigt sich die Sängerin, dass sie langsamer geworden sind, weil sie nicht mehr so oft auftreten. Da sind die Sympathien klar verteilt. So liebe ich Hardcore. Ohne Bollos, Hools, Metal-Anleihen und Tough-Guy-shit. Stattdessen authentischer Hardcore, bei dem alle Spaß haben sollen.

Das Lustigste war das Ende. Nach einer Zugabe meinte die Sängerin, dass sie nichts mehr können und ihre Stimme im Arsch ist. Nach ewigen Diskussionen meinte sie dann, dass ja ein oder mehrere Menschen aus dem Publikum noch ein Lied singen könnten. Und so geschah es dann. Zwei-drei Typen kamen auf die Bühne und performten ein Tangled-Lines-Stück. Sehr sehr hübsch. Wie die Tangled Lines insgesamt und To Kill und Bane und all der Hardcore-Spirit, der einmal mehr seinen Weg in mein Herz fand, so prekär und zerbrechlich er auch sein mag.

Und so bin ich versöhnt und beglückt nach Hause gegangen. Endgeile Show. Tolles Festival.